Der König im Kino

Robert Bruce war nicht nur ein König, er war der König von Schottland. Wenn also die Aussicht besteht, den König zu treffen und mit ihm zu reden, dann sagt man da nicht nein.

Die Rede ist natürlich nicht von richtigen Robert Bruce, der starb ja bereits 1329. Die Rede ist vielmehr von Angus MacFadyen, dem Schauspieler, der in Braveheart den König spielte und nun mit seinem eigenen Film “Robert the Bruce” durchs Land reist, weil der Film nicht der Kassenschlager wurde, den man erhofft hat. Der Mann kennt MacFadyen nicht persönlich, obwohl er als Statist in Braveheart mitgewirkt hat.  Aber er kennt andere im Film und ist schon allein deshalb nicht abgeneigt, mit ins Kino zu gehen. Außerdem ist der Bruce Fan (der König, nicht der Schauspieler).

Sleat road

Ins Kino gehen? Naja, ganz so einfach ist das natürlich wieder nicht und gehen geht schon gar nicht. Das nächste richtige Kino ist in Inverness und damit 2 Stunden entfernt. Der Film wird in der Aula meines College gezeigt, das ist nur eine Stunde Fahrt von zu Hause. Richtigen Kinocharme hat das natürlich nicht, es ist nicht mehr als seine große Leinwand in einem Raum, der sich anfühlt wie eine Schulaula. Nichts für Cineasten also aber nach dem Film wird es eine Fragerunde mit dem Produzenten und Hauptdarsteller geben. Warum er gerade hierher in die Einsamkeit der Insel Skye kommt? Er hat Familie hier.

 

Die Fahrt ist trotz mäßigen Wetters wunderschön und wie freuen uns auf den Film. Und ich freue mich auf das College, mein nächster Gälischkurs steht bald an.

Angus MacFadyen

Wir finden einen Platz, das „Kino“ ist gut besucht und der König hält eine kleine Begrüßungsrede. Dann geht das Licht aus und wir reisen in den kalten Winter des Jahres 1306.

screening The Bruce in Sabhàl Mor OstaigDer Film ist Low Budget und hat keine der finanziellen Unterstützungen bekommen, auf die er gehofft hatte, die meisten Szenen wurden in Kanada gedreht. Kamera und Schnitt bieten nichts Neues. Aber die Akzente sind gut, vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass einige der Schauspieler Amerikaner sind. Der Film erzählt die fiktive Geschichte wie der König auf der Flucht und in einer Findungskrise im Haus einer Familie Schutz findet und über die Zeit der Genesung schließlich auch wieder zu sich selbst und der Aufgabe, die vor ihm liegt: Schottland zu vereinigen und gegen die Engländer zu verteidigen. Der Film hat nach dem ersten Drittel etwas Länge aber sonst ist er stimmungsvoll und für Schottlandfreunde auf jeden Fall sehenswert.

Weil sich der Film an den Kinokassen so schwer tut, muss MacFadyen eben durchs Land tingeln. In England kam der Film gar nicht erst in die Kinos, man hat ihm Nationalismus vorgeworfen. Zu Unrecht aber natürlich ist die Robert Bruce Story allein aus dem geschichtlichen Zusammenhang heraus eine Geschichte der Befreiung von England. Im Film kommt allerdings kein einziger Engländer vor. Dass aber Angus MacFadyen ein leidenschaftlicher Unterstützer der schottischen Unabhängigkeit ist, das weiß jeder, der ihm auf  Twitter @macfadyenangus folgt. Sein Hoodie beseitigt alle Zeifel.

MacFadyen in SMOEr spricht sehr offen über alles in der Fragerunde und als der offizielle Teil vorbei ist, drängen immer wieder Zuschauer um ihn, bitten um ein Foto. Vor mir ist eine Frau um die 60 mit schmalem Mund und grauem Pferdeschwanz. Sie hat das Bedürfnis sich zu rechtfertigen, weil sie Engländerin ist.

„I am an Anglo-Scots“ sagt sie mit südenglischem Akzent. Anglo-Schottin? Das habe ich auch noch nicht gehört. Der Bruce nickt und schweigt. Um ihn herum scharen sich die Engländer, die auf Skye leben und sich irgendwie nicht angesprochen fühlen möchten. Ganz offensichtlich hat der König auch 600 Jahre nach seinem Tod noch immer die Macht, Engländern das Fürchten zu lehren.

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Möge die Macht mit uns sein

Wie fahren schon seit geraumer Zeit durch das Nichts. Rechts und links erheben sich kahle, grüne Hügel, der Himmel ist weitgehend grau und auf der Straße treffen wir außer gelegentlich ein paar Schafen keinen Menschen und schon gar kein Auto. Wir sind im ländlichen Raum der schottischen Borders unterwegs. Wir wollen für das neue Buch recherchieren und der Mann will fotografieren. Außerdem kann ich ihn da noch auf ein paar Friedhöfe mitnehmen, die ich schon lange mal sehen wollte.

„Ziemlich einsam hier“, sagt der Mann. „Fast wie auf dem Mond.“

Ich nicke. „Hab dir doch gesagt, dass es abgelegen ist. Deshalb habe ich auch ein Inn gebucht und kein normales B&B. Wir bekommen sonst nirgendwo ein Abendessen.“

Ettrick Water

Den Tisch habe ich auf 19 Uhr reserviert und Google Maps sagt mir, dass wir gegen 18:30 Uhr ankommen.

Tushielaw Inn

Das Tushilaw Inn ist sehr hübsch, außen in traditionellem schwarz-weiß gehalten und innen genau so eingerichtet, wie man sich ein altmodisches Inn vorstellt. Es ist perfekt und liegt idyllisch am Ufer des Ettrick Water in einem grünen Tal. Der Ort besteht aus insgesamt drei Häusern. Das sollte ein ruhiger Abend werden, denke ich.

Die Sonne scheint und die ersten Gäste sitzen an den Gartentischen im Biergarten.

Ja! Es gibt einen Garten, zwar direkt an der Straße aber da kein Auto kommt, macht das überhaupt nichts. Wir können im Freien essen, meint der Chef. Ein Mann jenseits der Sechzig mit grauem Wuschelkopf und einem Star Wars T-shirt.

Draußen essen? Galaktisch! Ich kann mein Glück nicht fassen. Da ist sonst nie das Wetter dazu, weil es entweder regnet oder einen die Mücken auffressen. Und da sind wir nun und genießen die Abendsonne.

Der Chef bringt der Frau am Tisch neben uns seine Sonnenbrille. Ich fühle mich Lichtjahre entfernt von dem Planeten, auf dem Schottland sonst zu finden ist.

Das Abendessen ist klassische Hausmannskost, die Chefin kocht selbst und wir loben sie gebührend, als sie kommt um sich zu erkundigen, ob alles recht war.

Inzwischen ist die Sonne hinter dem Berg verschwunden und es wird schnell deutlich kühler. Wir ziehen nach drinnen um, an der Bar ist die Hölle los. Ein paar Einheimische haben sich eingefunden, dazu ein paar Engländer die entweder hier leben oder hier hingezogen sind. Die Borders sind schließlich Grenzland, nach England kann man fast laufen.

A pro pos laufen. Wir lernen Ivan kennen, der (und das ist nicht zu überhören) aus Neuseeland kommt. KaminfeuerUrsprünglich aber aus Bulgarien. Er ist sehr groß und sehr schlank und er ist zu Fuß unterwegs. Mit einem Stock und einem kleinen Rucksack. Von Land’s End nach John o’ Groates. Von südlichsten Ende Englands zum nördlichsten Punkt des schottischen Festlands. Ein Klassiker unter den Wanderwegen, runde 1400 – 1900 Kilometer je nach Route.  Ivan ist allein unterwegs aber hat sofort festgestellt: seit er in Schottland ist, reden die Leute mit ihm. Das ist ihm in England nicht passiert. Das trifft natürlich nicht auf alle Engländer zu. gerade setzt sich einer an unseren Tisch, er trägt Hosenträger und lebt ein paar Kilometer weiter die Straße runter.

„Kommt doch Morgen bei mir vorbei“, sagt er. Mein Haus ist leicht zu erkennen, ich habe viele Gartenzwerge und Gnome im Garten. Ich stelle mir das ein bisschen wie die Kantine in Star Wars vor. Und mit Ivan habe ich ja auch eine Art Obi-Wan Kenobi am Tisch. Ein OB Van (sprich obi-wan) ist Englisch für Übertragungswagen und Ivan arbeitet in der Filmbranche, gar nicht so weit weg von dem was ich mache beim Fernsehen.

Der Mann unterhält sich mit dem Gnombändiger über Musik, ich mit dem Langstreckenwanderer über Schnitttechniken im Film.

Und als der Chef mit dem Star Wars T-Shirt last orders ruft, da hätten wir alle vier gerne Bar Weinglasgewusst, wie man durch die Zeit reist oder zumindest einen Planeten findet, auch dem die Ausschankzeiten etwas legerer gehandhabt werden. Als ich dann schließlich ins Bett falle, fühlt sich mein Kopf allerdings an, als würde Luke Skywalker damit Kreise drehen und der Mann schnarcht wie ein intergalaktischer Zerstörer.

Möge die Macht mit uns sein, denke ich und schließe die Augen. Möge die Macht mit uns sein!

 

 

 

 

 

Der Untote von Selkirk

Wohin ich auch gehe, ich stolpere derzeit ständig über schottische Gruselgeschichten. Zuletzt war es noch Sanquhar, nun ist es nach einem Ausflug in Schottlands Süden Selkirk. Geneuer gesagt, der Schuhmacher von Selkirk.

starirs to Selkirk cemetery

Schumacher ist gemeinhin kein Handwerker, bei dem es besonders aufregend oder gruselig zugeht, sieht man einmal von den Preisen ab, die man in Deutschland für das besohlen eines guten Schuhs bezahlen muss. In Schottland sind Schuhmacher heute deutlich billiger als in Deutschland aber früher war das auch anders. Da  trugen die Kinder der Landbevölkerung oder die Armen der Slums von Glasgow oft gar keine Schuhe, das war zu teuer. Ein Schuhmacher hatte gehobenes Klientel im Geschäft und war ein angesehener Bürger, zumindest im frühen 19. Jahrhundert, in dem diese Geschichte spielt.

Der Schuhmacher von Selkirk (Sutor of Selkirk) hat es zu einer gewissen Berühmtheit gebracht. Er trug den lustigen Namen Rabbie Heckspeckle und ein Großteil der Bürger von Selkirk trug Schuhe, die er gefertigt hatte. Rabbie begann gerne früh mit der Arbeit und war in seinem Laden oft lange bevor er öffnete. So hatte er tagsüber mehr Zeit zum Tratschen. Eines Morgens nun, es war Winter und noch stockdunkel draußen, betrat ein Fremder den Laden des Schuhmachers. Er sah durchaus wie ein Edelmann aus, wenn auch etwas vernachlässigt, er roch unangenehm, seine Kleidung wirkte fast schon verwahrlost. Er wollte ein Paar Schuhe und Rabbie war nur zu bereit, ihm ein Paar zu verkaufen. Der Fremde zeigte auf ein Paar, das ihm gefiel aber es hatte nicht die richtige Größe.

Rabbi nahm also Maß und versprach dem Fremden, ihm bis zum nächsten Tag neue Schuhe zu fertigen. Der Fremde nickte und bestand darauf, die Schuhe wieder so früh abzuholen, wie er an diesem Tag in den Laden gekommen war, bevor der Hahn krähte. Der Schuhmacher hatte kein Problem damit. Als die Sonne aufging, war er mit den Schuhen des Fremden schon ein gute Stück voran gekommen, doch es dauerte bis in die Nacht, bis Rabbie Heckspeckle endlich fertig war.

Nach wenigen Stunden Schlaf weckte den Schuhmacher ein lautes Klopfen. Es war der Fremde, der seine Schuhe abholen wollte. Heckspeckle rieb sich den Schlaf aus den Augen, ging hinunter in den Laden, öffnete dem Fremden die Tür und gab ihm seine Bestellung. Der war zufrieden, warf ihm ein paar Silbermünzen aus einem schimmligen Geldbeutel zu, drehte sich um und ging.

Rabbie Heckspeckle wollte es nun genau wissen. Wer war der Fremde und wo wohnte er? Etwas war nicht ganz koscher mit dem Mann. In Selkirk kannte er jeden Edelman, der sich Schuhe leisten konnte. Wer aber war dieser Kunde? Rabbie beschloss ihm zu folgen. Es war noch immer dunkel und er konnte leicht ungesehen bleiben. Er folgte dem Fremden bis zum Friedhof, wo der sich auf ein Grab legte und plötzlich verschwunden war. Entsetzt kam der Schuhmacher näher, das Grab schien unberührt, die Erde war nicht aufgeworfen. Hier hatte keiner gegraben, wie also war der Fremde verschwunden?

Gräber Selkirk

Mit dieser unglaublichen Geschichte rannte der Schuhmacher zurück und erzählte sie im Laden und später auf der Straße und in der Kneipe jedem, der sie hören wollte. Keiner wollte ihm natürlich glauben aber schließlich riefen sie doch den Totengräber, der sollte das Grab ausheben, sonst würde der Schuhmacher nie Ruhe geben.  Keiner glaubte auch nur im Traum daran, dass der Fremde in dem Grab verschwunden war. Doch als der Totengräber vor Zeugen den Sarg öffnete, lag ein Man darin, der genauso aussah, wie ihn der Schuhmacher beschrieben hatte. Der Tote trug nagelneue Schuhe.

Man beschloss den Sarg wieder gut zu verschließen und sicher zu begraben. Die neuen Schuhe nahm der Schuhmacher an sich. Schließlich waren sie viel zu schade, um zu verrotten. Die könnte er ohne Probleme noch einmal verkaufen. Es sollte der größte Fehler in Rabbie Heckspeckles Leben werden.

Am nächsten Morgen wurde die Ehefrau des Schuhmachers von einem seltsamen Lärm im Laden ihres Mannes geweckt. Auch den Nachbarn war der Lärm nicht entgangen. War es ein Streit, den sie da hörten? Oder war es ein Kampf? War das ein verzweifelter Schrei? Keiner traute sich auch nur aus dem Fenster zu sehen. Sie alle versteckten sich, bis die Sonne aufging, dann fanden sie sich vor dem Laden von Rabbie Heckspeckle ein. Der war verschwunden, sein Laden verwüstet. Dreckige Fußspuren führten zu Friedhof und dort genau zu dem Grab, das sie am Vortag ausgehoben und wieder versiegelt hatten.

Der Totengräber wurde gerufen und er grub den Sarg ein weiteres Mal aus. Sie öffneten ihn und der Fremde lag darin. Keine Spur vom Schumacher. Doch dann sahen sie das weiße Hemd, das Rabbie Heckspeckle gestern noch getragen hatte. Der Fremde hielt den blutverschmierten zerrissenen Stoff in seinen bleichen, knöchernen Händen. An seinen Füßen glänzte ein neues Paar Schuhe.

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Scotch Egg

Gerade wollte ich mir für ein verspätetes Frühstück etwas Obst in mein Müsli schneiden, da taucht unvermittelt der Mann an der Küchentür auf. Kein Mensch benutzt in Schottland die Vordertür, deshalb ist die Küche der Eingangsbereich in den meisten Häusern.

„Was machst du denn schon zu Hause?“ frage ich verwundert. Ich hatte ihn erst in ein paar Stunden zurück erwartet.

„Ging schneller als ich dachte“, spricht der Mann und verneint meine Frage, ob er etwas zu Mittag essen möchte. Mach dir keine Mühe, sagt er. Ich habe mir heute Morgen ein Ei gekauft.

Scotch Egg in Verpackung Fett Zucker Inhaltsstoffe

Ich blicke etwas sprachlos auf das kleine Plastiktütchen mit dem kalten braunen Klumpen aus dem Kühlfach, das er auf den Küchentisch legt. Er lächelt stolz und sichtlich erfreut über die Aussicht auf sein Scotch Egg.

So ein Ei hat nichts mit Whisky zu tun, wie der Name vermuten lässt. Es handelt sich vielmehr um ein in Plastik eingeschweißtes und gekochtes Ei, das man in Wurstmett und Semmelbrösel gewälzt hat, um es anschließen zu frittieren. Dann isst man es kalt.

Scotch Egg aufgeschnittenIch schüttle mich kurz und frage nach, ob er da Brot dazu haben will.

„Die Deutschen sind seltsam“, meint er, „die wollen zu allem Brot essen.“

Die „seltsame“ Deutsche schneidet den Cholesterinoverkill auf und fragt sich, ob sie so etwas je ohne Brot essen könnte.

malted loafDu kannst mir malted loaf dazu geben“, meint der unerschrockene Schotte.

Malzbrot??? Das ist ja eigentlich mehr ein Kuchen und pappsüß??

„Na du musst ja auch Butter drauf machen!“ sagt er weise.

 

Sprachlos schnibble ich den Rest der Banane in mein zuckerfreies Müsli und sehen dann zu, wie der Mann dieses seltsame Mittagessen restlos, ohne Brot aber mit Genuss vertilgt.

Vielleicht heißt diese Mahlzeit ja deshalb Scotch Egg, weil man anschließend einen Scotch braucht. Nicht, wenn man das Ei isst. Einfach nur vom Zuschauen!

 

 

 

Sanquhars Spukgeschichten

Schottland ist voller Geschichten, schräge und schreckliche, lustige und unheimliche und wahrscheinlich ist das ein Grund, warum so viele Menschen nicht mehr von dem Land lassen können, haben sie es einmal besucht. Der Glaube an das Übernatürliche ist weit verbreitet und auch heute noch für viele Schotten eine Selbstverständlichkeit. Was für ein Land für Gruselgeschichten!

In den Zentren wie Edinburgh werden die Geistergeschichten als Touren vermarktete un finden reißenden Absatz. Doch man kann sie auch selbst entdecken, die Geister der Toten. Eine Geschichte spielt weit ab von Touristentrubel der Hauptstadt im Süden, in Dumfries am Fluss Nith gelegen: Sanquhar. Einst eine freie Stadt beherbergt sie das älteste noch aktive Postamt der Welt und gleich drei gruselige Geister. Ich war für mein nächstes Buch auf einem Recherchetripp in die Borders und wollte die Geister von Sanquhar unbedingt suchen. Der Mann hielt sich lieber von den Geistern fern. Man weiß ja nie.

Sanquhar Castle

security fence and signDen einen Geist findet man in der Nähe von Sanquhar Castle. Die Burg liegt gleich am südlichen Ortseingang. Leider ist die Ruine in einem derart schlechten Zustand, das man sie vollständig eingezäunt hat. Betreten verboten. Der Zaun wäre einem Gefängnis würdig. Aber kann er auch Geister aufhalten?

sign danger keep outKönige und Königinnen gingen einst hier ein und aus. Ursprünglich war Sanquar Castle die Heimat der Familie Crichton und damit des Earls of Dumfries. Sie verkauften die Burg 1639 an Sir Willliam Douglas of Drumlanrig. Als der zum Duke of Queensberrry ernannt wurde, brauchte er ein etwas imposanteres Haus und baute Drumlanrig Castle. Der Verfall hatte begonnen.

Warum die Crichtons die Burg verkauften. Man möchte annehmen, es hatte finanzielle Gründe aber möglicherweise spielten auch John Wilson und Marion of Dalpeddar eine Rolle. Beide sollen in den bröckelnden Mauern der Crichtons spuken.

castle and farm building

Marion war eine Schönheit mit langem, flachsblondem Haar und einem weißen Spitzenkleid. Sie tauchte das erste Mal 1590 in der Burg auf. Keiner weiß genau, was sie für ein Schicksal hatte. Es wird vermutet, dass sie ein Opfer sexueller Übergriffe von Robert Crichton, Lord Sanquhar und damit auch Sheriff von Nithsdale geworden war. Bei dem Renovierungsversuch der Burg durch John Crichton-Stuart, dem Marquess of Bute im 19. Jahrhundert wurde das Skelett einer jungen Frau außerhalb der Burgmauern ausgegraben. Sie hatte noch lange blonde Haarreste am kalten Schädel. War sie die weiße Lady?

castle staircase ruinJohn Wilson dagegen erlitt ein ganz anderes Schicksal aber erstaunlicherweise genau zur gleichen Zeit wie die weiße Lady, im Jahr 1590. Sein Verderben war es, dass er zwischen die Fronten zweier mächtiger und selbstherrlicher Männer geriet. Ein Streit, der John Wilson sein Leben kostete. Der eine Mann war ein Freund von Lord Robert, dem Hauptverdächtigen beim Tod der jungen Frau und ihrer „Entsorgung“ außerhalb seiner Burgmauern, Douglas of Drumlanrig. Der andere war Sir Thomas Kirkpatrick, in dessen Dienst John Wilson stand. Wilson wurde mehrere schlimmer Taten beschuldigt, Sir Thomas verteidigte ihn aber Douglas of Drumlanrig ließ seine Beziehungen spielen und John Wilson hängen. Nur um Sir Thomas zu zeigen, dass er es konnte. So gesehen geht auch dieser Tod auf das Konto des gnadenlosen Sheriffs. John Wilson soll seitdem Ketten rasselnd und klagend durch die Mauern der Burg spuken.

So zumindest ist die gängige Variante. Aber vielleicht war John Wilson ja gar nicht so unschuldig und vielleicht war er eingesperrt und gehängt worden, weil er etwas mit dem Verschwinden der blonden Schönheit zu tun gehabt hatte?

Sanquhar Friedhof

Aber als wäre das nicht genug der mitternächtlichen Unruhe – es spukt nicht nur rund um die Burg, es spukt auch auf dem Friedhof von Sanquhar. Dieser Geist tauchte etwas später auf als die beiden von der Burg aber er scheint der deutliche gruseligere Geist zu sein. Die Geschichte von Abraham Crichton. Crichton war wohlhabend mit Gutsbesitz und ausgedehnten Ländereien in der Gegend. Dennoch meldete er Bankrott an. Man glaubte ihm nicht, dass er kein Geld mehr hatte und war in Sanquhar vielmehr davon überzeugt, Crichton habe es irgendwo versteckt. Er starb im Jahr 1745, vier Jahre nachdem er bankrott gegangen war.

Bauarbeiten Sanquhar Friedhof

Nun gab es in Sanquhar eine bereits lange anhaltende Diskussion um die Kirche von St. Bride, die nicht mehr genutzt wurde und verfiel. Einige wollten sie abreißen, andere hielte das für ein Sakrileg, das Gottes Zorn hervorrufen würde.

Sanquhar Friedhof DumfriesAbraham Crichton scherte sich nicht darum und ließ mit den Abrissarbeiten beginnen. Am Abend ritt er nach Hause als ein Blitz sein Pferd erschreckte, es bäumte sich auf und Crichton verlor den Halt. Das Pferd in Panik rannte los und zog Crichton, den Fuß im Steigbügel eingeklemmt, hinter sich her. Als Pferd und Reiten Dalpeddar erreichten, war der Reiter tot. Die Strafe Gottes für seine Lügen und seine Missachtung der Kirche, dachte man in Sanquhar und war nicht sonderlich traurig.

Abraham Crichton wurde im Friedhof bestattet, doch er tauchte immer wieder auf, verfolgte Trauernde, flehte sie an, erschreckte sie zu Tode. Keine wollte mehr im Dunkeln über den Friedhof gehen. Die Stadt war in Aufruhr.

Bis Pfarrer Hunter die Initiative ergriff und mit Schwert und Bibel bewaffnet die Nacht auf dem Friedhof verbrachte. Am nächsten Morgen verkündete er müde, dass der Geist nun nie mehr auftauchen würde. Er sollte recht behalten. Das Grab von Abraham Crichton hat man dennoch mit Ketten gesichert, für alle Fälle.

Die Kirche auf dem Friedhof ist ebenfalls eingezäumt. Bauarbeiten scheinen erneut zum Erliegen gekommen zu sein. Vom Grab Abraham Crichtons keine Spur.

Drei Geistergeschichten auf einem so kleinen Gebiet – Die Familie Crichton scheint (zumindest in Sanquhar) recht spukanfällig gewesen zu sein.

 

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Fremde

SchreibhütteEs ist Sommer, wenn auch nicht unbedingt erkennbar an der Temperatur aber immer erkennbar am „Füllgrad“ der Highlands. Im Juli ist es voll, überall, in den Hotels, den B&Bs, auf den Straße, voll, voll, voll. Ich bleibe soweit es geht zu Hause und bewege mich allenfalls vom Haus zur Schreibhütte und zurück. Mit dem operierten Knie ist joggen und wandern ohnehin noch nicht drin. Die Bewegung fehlt mir aber nicht der Trubel, der derzeit da draußen herrscht. Es ist als wäre die ganze Welt in Schottland.

Heute aber fühlte ich mich wagemutig und habe den Mann auf eine Dienstreise begleitet. Das klingt irgendwie hochtrabender wenn man es schreibt. Sagen wir, ich habe den Mann auf eine Dienstfahrt begleitet: nach Kinlochewe, Plockton und Kyle of Lochalsh, drei zentrale Anlaufstellen für Touristen an der Westküste der Highlands. Wenn man lange genug wartet, dann schafft man auch ein Foto ohne Verkehr.

Der Verkehr ist nervenaufreibend, ständig bremst irgendwo einer unvermittelt, weil er ein Fotomotiv zu erkennen glaubt oder er macht ganz bewusst langsam, weil er schließlich im Urlaub ist.

Der Mann ist leicht genervt, kein Wunder, der macht das Montags bis Freitags mit. Und er weiß, es dauert noch ein paar Monate, bis es wieder stiller wird. Ich wäre noch viel genervter an seiner Stelle.

A pro pos stiller.

BankWährend der Mann ein paar Dinge erledigt, suche ich mir eine stille Bank, um zu lesen. Es ist sonnig und warm heute, ausnahmsweise mal. Ganz Europa leidet unter der Hitzewelle und wir haben jeden Abend die Heizung an. Aber heute brennt die Sonne und es ist trotz Wind fast schon zu warm, um in der Sonne zu sitzen. Ich aber genieße es und fühle förmlich, wie ich Vitamin D tanke. Ich halte mein Gesicht in die Sonne. Schottland ist wunderbar!

railway Plockton

Dann, wie aus dem Nichts, ein Dutzend Amerikanerinnen mit Handgepäck. sie kommen von oben und rollen bergab. Lautstark, mit Stimmen wie aus einer amerikanischen Sitcom, unnatürlich schrill und laut. Da geht sie hin, die Idylle und ich frage mich, wo diese US Invasion herkommt.

Zug! Es fällt mit schnell ein. Gerade eben ist der kleine Regionalzug (zwei Waggons) vorbeigerattert. Da sind sie wohl ausgestiegen.

Plockton„Oh look at the view!“ stellen mindestens sieben von ihnen lautstark und nacheinander fest. Wunderbare Aussicht. Ich krame in meiner Handtasche und suche die Ohrstöpsel.

„Girls, let’s take a picture.“ Die Mädels zücken ihre Handys und versuchen sich sinnvoll aufzustellen. Ich stelle fest, dass ich die Ohrstöpsel vergessen habe.

Weitere giecksende Begeisterungsstürme, die Damen aus Übersee sind resistent gegenüber meinen Ignorierungsversuchen.

Irgendwann trollen sie sich bergab mit ihren Handgepäckkoffern.

Stille. Wunderbare Stille. Nur der Wind, die Bäume und ich….

Ein deutsches Auto hält neben mir. Ein Kennzeichen aus Rheinland-Pfalz. Eine Frau in den Sechzigern steigt aus und kommt herüber.

„What a lovely view.“ sagt sie.

„Ja. Wunderbar.“ Sage ich, damit sie weiß, dass ich auch Deutsche bin. Ich habe ja kein Kennzeichen, das mich verrät.

Sie geht wieder zurück zum Auto. Habe ich sie erschreckt? Nein, sie hat ihren Mann geholt.

„Stört es sie, wenn wir ihnen Gesellschaft leisten?“ fragt sie, diesmal auf Deutsch.

„Nein, natürlich nicht.“ Sage ich und wir genießen gemeinsam. Sie trinken ihren Kaffe, essen ihre Blätterteigtaschen und wir plaudern, über die beste Route, den Verkehr, ihren Urlaub und Camping. Und irgendwie ist es richtig nett (und nein, das meine ich nicht blöd sondern genauso wie ich es schreibe), mal wieder Deutsch zu reden.

Nach einer Viertelstunde verabschieden sie sich, es gibt ja noch so viel zu sehen.

Ich sitze noch ein wenig und genieße die Stille. Man wird ein wenig zum Eigenbrötler, wenn man nur in seiner Schreibhütte sitzt und vor sich hinschreibt, denke ich. Manchmal muss man einfach raus und mit Fremden reden. Ganz besonders dann, wenn man das Glück hat, in diesem wunderbaren Land nicht fremd zu sein.

Frauen müssen draußen bleiben

KInloch church, Isle of LewisVieles ist auf der Insel Lewis anders als im Rest von Schottland. Die Religion spielt eine ganz andere Rolle, selbst die kleinsten Orte haben oft mehr als nur eine Kirche und die jeweils Parkplätze mit den Ausmaßen eines Vergüngungsparks. Nur nicht ganz so lustig.

Sonntags geht man in die Kirche, die Männer im Anzug, die Frauen mit Hut. Sonntags arbeitet man nichts und sonntags lebt man nicht. Legendär sind die angekettete Kinderschaukeln und die Bed&Breakfasts, die am Tag des Herrn kein Essen servieren. Und ja, sonntags haben (Bis auf eines) auch die Restaurants in Stornoway, der Hauptstadt der Insel, geschlossen. Seit der Aufspaltung der Kirche im 19. Jahrhundert haben sich die unterschiedlichsten Glaubensrichtungen hier etabliert. Die Free Church of Scotland ist in ihrer Ausrichtung sicher die extremste der protestantischen Glaubensgemeinschaften.

Moor auf der Insel LewisWenn sonntags deren gälische Gesänge über die Weiden wehen, dann klingt das seltsam beeindruckend und magisch, fast schon ein wenig orientalisch. Dazu die oft öde Landschaft und die meist grauen Häuser aus Fertigbeton – Lebenslust klingt definitiv anders. Lewis gibt es nicht ohne Religion und Regeln. Und dennoch ist derelict house diese Insel es wert, dass man sich näher mit ihr auseinandersetzt, denn die baumlose Landschaft hat atemberaubende Strände und selbst die strenge Religiosität hat durchaus ihre unterhaltsamen Ausnahmen.

Dalmore Beach

So berichtete Martin Martin in seinem Buch über die Äußeren Hebriden im Jahr 1703 darüber, wie die Gläubigen bereits beim Anblick der Kirche niederknieten und das Vaterunser beteten. Aber die Einwohner der Insel hatten auch ihre uralten Bräuche, mit denen sie den Meeresgott Shony (Seonaidh) anbeteten. So kamen alle Männer an Allerheiligen in der Kirche St.  Mulvay in Ness zusammen. Die Männer hatten alle Bier als Proviant dabei. Dann wählten sie einen aus ihrer Mitte, der in der Nacht mit dem Bier in der Hand ins Meer hinaus ging und festen Schrittes und mit starker Stimme nach dem Meeresgott Shony rief. Das aber bevor er was getrunken hatte.

Ich gebe dir diesen Bierkrug in der Hoffnung, dass du die Güte hast uns reich mit Meeresgaben zu beschenken, damit wir im kommenden Jahr unsere Felder reichlich düngen können.

dark sea and skies

Seetang wurde und wird in Schottland zum Düngen der Felder verwendet. Er war für die Landwirtschaft und das Überleben immanent wichtig. Dann wurde der Bierkrug ins Wasser geworfen und der Mann kehrte an Land zurück. Alle gingen zurück in die Kirche, wo eine Kerze auf dem Altar brannte. Und so standen sie still für eine gewisse Zeit, dann wurde die Kerze ausgeblasen. Man gingen hinaus auf die Felder, es wurde gefeiert, getanzt und das restliche Bier getrunken. Der Brauch wurde von der Kirche nicht gern gesehen und Pastor Donald Morrison aus Barvas beendete ihn schließlich. Der Brauch aber blieb in andere Form erhalten. Die Menschen pilgerten im Frühjahr (16. Mai) zum Ende der Landzunge und baten den Heiligen Brendan um einen starken Wind, der den wichtigen und Tang an Land spülen sollte. Ohne Bier selbstverständlich.

farbenfroher Seetang Sandstrand Muster

Lewis ist arm an guter Erde, sie ist entweder zu alkalisch oder nicht vorhanden. Die Friedhöfe finden sich häufig direkt neben den schönsten Stränden der Insel und die Toten werden auch im Sand begraben. Die Beerdigungen auf Lewis unterscheiden sich in verschiedenen Aspekten von denen auf dem schottischen Festland.

Früher war eine Beerdigung hier ein großes Ereignis, an dem viele Menschen teilnahmen. Die Traditionen wurden sorgfältig gepflegt.

Bragar Cemetery

In den entlegeneren Siedlungen wurden Jungen herumgeschickt, um anderen mitzuteilen, wann die Beerdigung stattfinden würde. Das waren die Tage vor Internet oder Telefon. Die Jungen, die die Nachricht verbreiteten, verdienten sich so ein paar Pence . In den Städten brachten die Bestatter Zettel in den Schaufenstern an, auf denen Name, Adresse und alle wichtigen Einzelheiten der Beerdigung angegeben waren, einschließlich der Frage, ob Blumen erwünscht waren oder nicht.

Ganz früher wurde ein Horn geblasen, wenn jemand starb. Alle Dorfbewohner hörten auf zu arbeiten, bis die Beerdigung vorbei war. Im Haus des Verstorbenen wurden alle Vorhänge zugezogen, die Leiche auf das Bett gelegt. Besucher kamen und berührten die Stirn des Toten. Am Tag der Beerdigung fand der Gottesdienst im Haus statt. Weitere Trauernde versammelten sich draußen und nahmen am Trauerzug teil, als die Männer herauskamen.

Frauen spielten bei der Beerdigung keine Rolle; im Gegenteil, sie waren nicht zugelassen. Sie blieben mit den Kindern im Haus bleiben und kochten. Aber sie sollten länger trauern als Männer. Eine Witwe sollte für den Rest ihres Lebens schwarz tragen, während ein Witwer lediglich ein Jahr lang eine schwarze Armbinde und eine schwarze Krawatte trug. Dann war er frei zu tagen, was er wollte. Die Männer des Clans Macaulay gingen sogar noch weiter, sie erlaubten den Frauen nicht einmal, auf demselben Friedhof wie sie begraben zu werden. Die Herren der Schöpfung betrachteten ihre Grabstätte als heilig und privat und bestanden darauf, dass ihre Frauen auf dem Valtos-Friedhof begraben würden.

 

Schottland mit dem Wohnmobil

Schottland – weites, wildes, wunderbares Land im Norden Europas wo die Strände lang und weiß vor der tiefblauen See liegen und der Ginster in einsamen Tälern zum fernen Ruf des Kuckucks duftet. Gibt es ein besseres Land, um mit dem Wohnmobil Urlaub zu machen? Der Mann und ich sind da nicht wirklich einer Meinung. Er liebt Camping, wenn auch eher mit dem Zelt. Ich nicht.

Abenteuer Highlands Schottland mit dem Wohnmobil © Ewan Roy MacGregor

Aha. Im Winter, merke ich an, kommt man sich bei all den leer stehenden Ferienhäusern ein wenig wie ein Teenager in einem Horrorfilm vor, ganz allein im Dunkeln: „Hallo, ist da jemand?“ Im Sommer fragt man sich das nicht mehr. Ferienwohnungen muss man lange vorbuchen und sie sind, wenn schön eingerichtet, sehr teuer, ein Tausender ist keine Seltenheit für die Woche und selbst die kleinen Glamping Pods kosten so viel wie anderswo ein Hotelzimmer pro Nacht.

In Strathcarron hat ein findiger Mensch im Hotelgarten neben dem Bahnübergang camping pods Strathcarronkleine Verschläge mit runden Luken hingestellt, sehen genauso aus wie die Hütten der Schweinefarmer hier, sind aber für Touristen. 40 Pfund die Nacht! Oder man erwischt ein leicht angeschmuddeltes Ferienhaus, das nach dem Auszug  der Oma ins Altersheim kurz durchgeputzt und dann an die Fremden vermietet wurde, Chintz Sofa mit Blümchenmuster inklusive. Da sitzt man dann wie bei Oma zu Hause und kommt sich wie ein Eindringling vor.

benteuer Highlands Schottland mit dem Wohnmobil

Mit dem Wohnmobil ist man frei, freier als mit einem Ferienhaus, findet der Mann.  Man treibt so durch den Urlaub und bleibt da, wo es einem gefällt. Mitten in dieser wunderbaren Landschaft stehen zu können und die Natur zu genießen,  Morgens aufzuwachen mit dem Blick auf die Berge oder das Meer, den salzigen Duft der Wellen in der Nase, keine Wolkenflöckchen stören die wärmende Sonne – ein Taumurlaub.

„Ja,“ sage ich, „aber das ist reine Theorie.“ Oft regnet es in Strömen und die Dichtungen an Tür und Fenster sind nicht dicht. Und vor allem nachts, wenn auch im Sommer die Temperatur schon mal gegen Null gehen kann, wäre man in einem Haus deutlich wärmer, aber da hat man ja nicht diese Aussicht. Die hat man wegen der Isolierung ohnehin meist nicht. So lässt sich auch der Friedhof ignorieren, auf dessen Parkplatz man steht.

Abenteuer Highlands Schottland mit dem WohnmobilStellplätze in der Wildnis sind sehr rar in den Highlands und meist nicht legal, auf offiziellen Parkplätzen ist fast ausnahmslos das Übernachten mit dem Wohnmobil verboten. Man kann also entweder auf einem Campingplatz (wenn man überhaupt noch einen freien Platz ergattert) viel Geld dafür bezahlen, neben all den anderen Deutschen zu stehen oder man steht auf einem „wilden“ Parkplatz, einer etwas größere Ausweichbucht (gibt es häufiger, ist aber nicht gestattet), einem Stück ehemalige Straße neben der neuen Straße (kommt öfter vor), einem Wendeplatz (gelegentlich zu finden aber eben auch nicht zum parken da) oder einem trockenes Stück Erde, das nicht eingezäunt ist (ganz selten).  All diese Stellplätze sind in der Regel direkt an einer Hauptverkehrsader, wo morgens früh die LKWs vorbei donnern. Das trübt mein Naturgefühl etwas.

Anders habe ich das nur in den Western Isles erlebt. Traumhafte Strände und jede Menge Platz für Wohnmobile. Manche Stellplätze scheinen extra für Touristen gemacht. Manche sind es definitiv, man bittet um 5€ in die Kasse der Gemeinde. In den Highlands sind einfach zu viele unterwegs für einen solchen Ansatz.

single track road caravan Scotland

Mit dem Wohnmobil ist man unabhängig. Man muss nicht vorbuchen und kann genau da übernachten, wo man will und es schön findet. Das mag der Mann, weil er im Gegensatz zu mir nicht gerne plant. Die Unabhängigkeit hat einen Preis, man muss schon früh am Tag mit der Stellplatzsuche anfangen, sonst steht nämlich schon ein anderer drauf. Aber das Abenteuer der Suche! Manchmal gehen richtige Rennen um die Stellplätze am Straßenrand ab, denn man ist nie der einzige, der sucht und ja es gibt Apps aber die haben die anderen auch.

Mit dem Wohnwagen erlebt man die Natur viel intensiver als in Häusern, gebe ich zu und neige was das angeht tatsächlich eher zum campen. Die Abende sind lang im Sommer, das kann man genießen. Aber mit den gemütlichen Abenden im Freien hat es nun wieder der Mann nicht so, weil es entweder regnet oder einen die midges, die schrecklichen Mücken bei lebendigem Leib aufzufressen drohen.

Abenteuer Highlands Schottland mit dem Wohnmobil

Mit dem Wohnwagen kann man sie die teuren Unterkünfte und Saisonpreise in den Restaurants sparen. Man kocht selbst, man schläft (wenn man nicht auf dem Campingplatz steht) umsonst. Kein Wunder also, dass so viele auf die Idee kommen, mit dem Wohnmobil oder dem VW Bus anzureisen. Allerdings verlangen die Fähranbieter stolze Preise für die Überfahrt verlangen und was das Tanken in den Highlands angeht – in der Regel 10 Pence teurer als in den Städten und schon dort ist Diesel  (weil nicht subventioniert) oft 10 Pence teurer als bei uns. Wer viel verbraucht, lebt teuer.

Abenteuer Highlands Schottland mit dem Wohnmobil

Zumindest kann man am Essen sparen und viel von zu Hause mitnehmen. Aber wie viel echtes Schottland erlebt man so?

Und was haben die Highlander davon, die auf den Tourismus als Geldquelle angewiesen sind? Was außer Stress auf den Straßen?

caravans passing single track road

Die weißen Riesen sind überall. Man fährt im Schneckentempo hintereinander her, quält sich steile Straßenstücke hoch in die Berge und wieder runter, alles auf Singletrack Roads, wo man unabhängig damit beschäftigt ist, mühsam rückwärts zu navigieren, weil einem auch an der nächsten Kurve schon wieder ein Wohnmobil entgegen kommt. Direkt neben dem Asphalt drohen tiefe Schlammlöcher, es ist schweißtreibende Zentimeterarbeit, ein entgegenkommendes Fahrzeug vorbei zu lassen. Und wieder eins, und wieder eins, und wieder eins.

Abenteuer Highlands Schottland mit dem Wohnmobil

Die Sommer-Karawane zieht durchs Land und die meisten fahren exakt dieselbe Route (in Teilen NC500  oder North Coast 500 genannt, die Straßen waren schon immer da aber jetzt werden sie vermarktet wie in den USA die Route 66: Newcastle – Edinburgh – Inverness – Cape Wrath – Isle of Skye – Loch Lomond. Mit dem ein oder anderen Abstecher hier und da. Manche fahren das auch in entgegengesetzter Richtung. Die kommen dann all den anderen auf den engen Straßen von Mai bis Oktober entgegen.

Schottland mit dem Wohnmobil kann man lieben oder hassen, manches spricht dafür, manches dagegen aber eines ist sicher: man ist nie allein. Die Highlands im Sommer sehen aus, da sind der Mann und ich uns einig, als ob der Zirkus Knie den Standort wechselt – nur ohne Clowns.

In welchem Zustand ist das Taxi?

Der Mann und ich machen Sommerurlaub. Gerade bin ich von Deutschland gekommen, da reisen wir auch schon weiter. Unser Ziel: die Insel Lewis, die nördlichste Insel der Äußeren Hebriden.

Abenteuer Highlands Wie ist der Zustand des Taxis

Die Fähre führt uns auf die Insel Harris, der südliche Teil der Insel Lewis – ein Eiland (manchmal auch the Long Isle genannt) aber zwei Inseln. Das geht zurück auf die zwei unterschiedlichen Eigentümer vor langer Zeit und ist auf den ersten Blick ungewöhnlich. Es soll nicht das einzige bleiben, was anders ist auf Lewis.

Auf einer Fahrt durch halbdunkle Nachmittagstrübe und frischen 8° Celsius mag das richtige Sommergefühl zwar nicht aufkommen, die Urlaubsfreude aber wohl: Das Meer, die Strände, die Dramatik der Wolken!

Abenteuer Highlands Wie ist der Zustand des Taxis

Erste Schwierigkeiten haben wir beim Suchen der Ferienunterkunft. Die Beschreibung des Vermieters, die an der Buchungsbestätigung hing, führt uns unmittelbar auf den Flughafen. Wir sind uns einig, dass das nicht richtig sein kann. Also weitersuchen, prompt landen wir in der richtigen Straße, wie suchen aber eine Hausnummer, die deutlich niedriger ist als alle, die wir in der Straße finden können. Ich entdecke einen fleißigen Insulaner, der im kalten Sommerwind (geschätzt ca. 80 km/h) seinem Haus einen neuen Anstrich gibt.

„Feasgar math. Tha ceist agam.“ Guten Tag, ich habe eine Frage.

Natürlich packe ich mein Gälisch aus, wo, wenn nicht hier am äußeren Ende Schottlands, wo Gälisch tatsächlich für Viele noch die erste Sprache ist. Den Rest der Unterhaltung aber führen wir auf Deutsch, mein Gälisch ist noch nicht ganz so weit. Super nett die Menschen hier und sehr hilfsbereit. Stellt sich heraus, unser Ferienhaus liegt direkt an der Hauptstraße, obwohl die eigentlich anders heißt aber für einen Abschnitt eben nicht. Google hatte keine Ahnung.

Wir finden also das Haus und den Parkplatz und verstehen nach einer Weile auch, wie wir den Schlüssel aus dem Safe bekommen. Die Beschreibungen des Vermieters waren auch da etwas irreführend aber wie schaffen es, irgendwann.

Abenteuer Highlands Wie ist der Zustand des TaxisDrinnen beginne ich gleich mit dem Auspacken, der Mann startet die Heizung. Im Eifer des Gefechts merken wir es zuerst nicht aber die Heizkörper werden einfach nicht warm. Also nochmal an den Regler, rumspielen, warten, verschiedene Knöpfe drücken – nichts. Niente. Nothing. Keine Heizung. Draußen sinkt die Temperatur in den einstelligen Bereich. Drinnen ist es nicht viel besser. Und die Heizung will einfach nicht anspringen. Ich überlege, den Ofen in der Küche anzumachen, entscheide mich dann aber für einen Telefonanruf bei unserem Vermieter.

Ja hallo. Hier ist Nellie. Wir sind ihre Mieter und wir bekommen die Heizung nicht zum laufen.

Es folgt eine längere und etwas komplizierte Erklärung. Ich habe Schwierigkeiten, ihn zu verstehen. Muss wohl am Hebridenakzent liegen. Ich berichte dem Mann von den Anweisungen des Vermieters. Er versucht es – immer noch keine Heizung. Der Schalter an der Wand scheint mir ein eher kompliziertes System zu sein. Heizung geht am besten für eine Stunde hatte der Vermieter erklärt. Nun aber geht nichts. Gar nichts. Nada. Niet. Der Mann meint die Heizung kriegt sich wieder ein. Wir gehen einfach essen und wenn wir zurück kommen ist es warm.

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Nach einem wunderbaren Essen in Stornoway und für mich den größtenTeil einer Flasche Wein sind wir wieder zurück, die Heizung ist immer noch nicht an.

Ihr könnt mich jederzeit anrufen, wenn ihr ein Problem habt, hatte der Vermieter gesagt. Also rufe ich nochmal an, denn wir haben ja ein Problem.

„Ja, hallo. Hier ist nochmal Nellie. Die Heizung geht immer noch nicht.“

„Hbst er ppohbieert den Schaalter zu drüggen?“

So oder so ähnlich klingt es aus dem Handy. Ich stelle fest, das es nicht an meiner mangelnden Kenntnis des Inseldialekts liegt, dass ich ihn nicht verstehe, sondern an der Tatsache, dass er schlicht und einfach stockbetrunken ist.

„Äh ok,“ sage ich. „Das funktioniert aber nicht.“

„Okkeh.“ sagt er und murmelt weiter: „Isch ruhfe ein Tagsi und kohme vohrbei.“

Ich kichere fröhlich, weil es zwar frostig im Haus ist aber ich ja ebenfalls dem Wein schon kräftig zugesprochen habe. Der Mann holt nun mit dem Wein auf, der Kühlschrank funktioniert tadellos und unser Weißwein hat die perfekte Temperatur. Wir warten auf den Vermieter und sein Taxi. Und warten… und warten ..

Plötzlich klingelt mein Handy.

„Ahlloh. Wo bischd duh denn? Ich waarde.“

„Äh, ich reiche sie mal weiter.“ sage ich und gebe dem Mann mein Telefon. Er ist aus Glasgow und kennt sich deshalb aus mit den Folgen des Alkohols.Ich habe das Gefühl ich höre nur noch Quatsch.

Zwischen den beiden entwickelt sich ein interessantes Gespräch.

Mann: „Hallo. Alles klar?“

Vermieter: „Wahn koms duh denn ähndlich?

Mann: „Wollen sie, dass ich sie abhole?“

Vermieter: „Waaas? In welchem Zuschdand isch das Taxi?“

Mann: „In welchem Zustand ist das Taxi?“ Er macht eine Pause und denkt. „Außen dreckig innen sauber.“

Vermieter: „Verdammt n‘ mal. Das isch nu wirklich nicht wihtzig.“

Abenteuer Highlands Wie ist der Zustand des Taxis

Inzwischen finden der Mann und ich aber sehr wohl, dass diese Unterhaltung sogar sehr witzig ist. Ich muss mich vor lauter Lachen aufs Bett legen, Und auch der Mann lacht sich kaputt während er dem betrunkenen Vermieter am anderen Ende zu erklären versucht, dass er nicht das Taxiunternehmen ist und der Vermieter bei der falschen Nummer auf Rückruf gedrückt hat.

Abenteuer Highlands Wie ist der Zustand des TaxisKurz vor 23 Uhr taucht schließlich ein Taxi vor der Tür auf, der Vermieter schwankt heraus. Herzliche Begrüßung, der Versuch einer Erklärung und dann lachen wir alle drei. Der Vermieter checkt die Steuerungseinheit an der Wand, schnappt sich eine Leiter und versucht in den Speicher zu klettern. Ich machen mir Sorgen um sein Genick aber er schafft es unversehrt, von der Leiter wieder herunter zu kommen. Was genau er im Speicher gesucht hat, erschließt sich mir auch nicht aber egal.

Inzwischen habe ich mein Gälisch ausgepackt und wir sprechen. Funktioniert prima in dem Zustand. Am Ende schraubt er irgendetwas an Boiler und wwruumm, die Heizung funktioniert endlich.

Das Taxi hat geduldig gewartet, in welchem Zustand auch immer, der Vermieter verschwindet in die dunkle Nacht und wird sich am nächsten Morgen gefragt haben, was zum Teufel das gestern eigentlich war.

Der Man und ich lachen immer noch darüber. Es muss nur einer sagen „In welchem Zustand ist das Taxi?“ und schon kichern uns in einen Lachkrampf, der nur ganz schwer wieder zu stoppen ist.

Reisen bildet

Dies ist die Geschichte einer mal wieder lustigen Reise nach Schottland, darin enthalten: ein Flug mit seltsamen Ansagen, drei Busfahrer mit eigenem Kopf und eine putzender Hippie. Das musste ganz einfach wieder ein Abenteuer Highlands werden. Es musste einfach.

Das gesamte Sicherheitspersonal des Flughafern krümmte sich vor Lachen. Gerade war eine Handvoll Schotten durchgegangen, schwer gezeichnet von einer durchfeierten Nacht aber natürlich nicht zu müde, die ernsthaften Deutschen zum Lachen zu bringen. Sie unterhielten sich in dem rauhen aber herzlichen Glasgower Dialekt, den ich schon immer sehr sympathisch fand.

Abenteuer Highlands Reisen bildetDas geht ja schon prima los, ich bin noch nicht raus aus Deutschland und fühle mich schon so gut wie zurück in Schottland. Es haben wohl einige in Deutschland Urlaub gemacht, denn die Reisenden mit kurzen Hosen und T-Shirt (es hat 11°) sind keine Deutschen. Die gibt es natürlich auch, neben mir sitzt ein Paar Mitte zwanzig, sie wälzt eine Reiseführer und studiert Sehenswürdigkeiten in Newcastle.

„Macht ihr eine Rundreise?“ frage ich.

Sie murmelt etwas Undefinierbares und dreht sich weg. Bloss nichts reden! Komisch eigentlich, die meisten deutschen Urlauber lieben Schottland, weil man dort auf sie zugeht und mit Fremden spricht aber zu Hause in Deutschland mögen es die wenigsten.

”Wir waren schon oft da.“ Sagt sie fast drohend. Sie ist Experte und will von mir nichts hören.

Ich lächle still und freue mich auf Schottland.

Aus dem Lautsprecher dringt die die Ankündigung zum Boarding für den Flug nach Edinburgh. Die Mitarbeiterin der Fluggesellschaft sagt Edinburry. Wahrscheinlich hat sie sich gemerkt, dass man die schottische Hauptstadt nicht so ausspricht, wie man sie schreibt. Ich kichere, der Mann der reisenden Auster lacht mir verstolen zu. Die Auster lächelt nicht. Sie ist auch Expertin für Edinboro.

Abenteuer Highlands Reisen bildet

Der Flug ist flugs vorbei, bevor ich mich versehe sitze ich in dem Bus, der vom Flughafen in Edinburgh (Vorsicht, die Aussprache kann unter Umständen variieren) nach Glasgow führt. Die Nummer ist AIR für Flughafen (Airport). Damit das nicht zu einfach ist, heißen die anderen Linien  AIR 100, AIR 200, AIR 300 usw. Das verwirrt nun den ein oder anderen Besucher, der mit so viel AIR nichts anzufangen weiß. Da zaudern sie nun in den Bus, zögerlich fragend die Augen auf den Busfahrer gerichtet um sich mit mehr oder weniger hilflosem Kreisen des Handys nach dem Ort, zu dem sie wollen, zu erkundigen. Immer natürlich in der Hoffnung es sei ein Ort auf der Route des Busses, den sie gerade tapfer fragend betreten haben.

Die erste, eine Norwegerin, will nach Millgawie wie sie sagt. Der Busfahrer ist aus Glasgow und hat deshalb keine Hemmungen sie darauf hinzuweisen, dass es Millgai heißt. Man kommt nicht gleich drauf, schließlich wird es Milngavie geschrieben. In der kleinen Stadt am Rande von Glasgow beginnt der wohl berühmteste Wanderweg Schottlands, der West Highland Way.

Der nächste Fremde will mit mitfahren, hat aber nur große Geldscheine, die er aus dem Automaten im Flughafenterminal gezogen hat.

Abenteuer Highlands Reisen bildet„Ha‘ ye go‘ a cerd?“ rügt der Busfahrer, der ausieht wie Robbie Coltrane,  in der vermeintlichen Frage mit bestimmtem Ton. Der potentielle Fahrgast braucht eine Weile bis er begreift, dass man ihn nach einen kontaktlosen Kreditkarte gefragt hat. Kontaktlos hat er nicht. Also schickt ihn der Busfahrer zum Geldwechsel ins Flughafenparkhaus gegenüber. Der Mann trottet los und der Busfahrer fährt los. In einer halben Stunde kommt der nächste Bus. Reisende mit großen Scheinen müssen draußen bleiben.

In Glasgow muss ich umsteigen und habe zwei Stunden Zeit, bis der Überlandbus abfährt. Zeit genug, um mir Lunch in einem Restaurant zu gönnen. Draußen um die Ecke findet sich eine französischen Brasserie, die zu einem Hotel gehört.

Abenteuer Highlands Reisen bildetPourquoi non? Warum nicht. Ein französisches Restaurant ist mir in Glasgow auch noch nicht untergekommen. Ich bestelle ein Glas Weißwein und den Haussalat mit Erdbeervinaigrette. Ich bin spät dran mit meinem Lunch und außer mir sitzen nur ein paar verstreute Geschäftsmänner in Anzug und Krawatte in dem Restaurant, das ein wenig edler daher kommt, als man es von der Lage am Busbahnhof vermuten würde. Ich sitze am Fenster und blicke nach draußen. Glasgower gehen in Fußballtrikots zum Einkaufen, stehen blondiert und rauchend vor den Geschäften und laden ihre gehbehinderten Großmütter samt Rollator in verbeulte Autos. C’est la vie, denke ich.

Mein Salat kommt und der Ober sagt bon appétit. Ich bin so verwirrt, dass ich vergesse merci zu sagen. Auf Französisch bin ich in Glasgow auch noch nicht angesprochen worden. Schon gar nicht von einem Einheimischen.

Abenteuer Highlands Reisen bildet

 

Der Salat ist lecker aber mehr die schottische Interpretation eines Salats: wenig Grün und viel Speck und Hühnchenfleisch. Und natürlich gibt es auch kein Weißbrot dazu. Ich sage trotzdem excellente als der Teller abgeräumt wird, weil es schließlich auch sehr gut war. Nun schaut der Ober verwirrt drein. Man hat ihnen gesagt, was sie zu sagen haben, wenn sie das Essen servieren. Eine französischen Antwort hatte niemand auf der Kommunikationsschablone.

Zurück am Busbahnhof warte ich auf meine Überlandbus. Auf der anderen Seite der halboffenen Waretehalle sitzt eine Frau mit langen grauen Haaren und einer großen Sonnenbrille. Sie trägt eine bunte, fließende Hippiebluse, grüne Pyjamahosen mit einen wirren weißen Muster, braune Socken mit weißen Kringeln und Sandalen, dazu einen überdimensionalen grünen Parka mit Fellbesatz, dazu mehrere bunte Taschen. Au den ersten Blick sieht sie aus, wie eine Frau ohne festen Wohnsitz. Auf den zweiten stellt sich heraus: es ist die Frau, die früher gelegentlich bei uns geputzt hat.

„Nellie?“

„Ceiteag!“

Was für eine Überraschung. Und was für eine lustige Abwechslung für die 5 Stunden Busfahrt, die uns bevorstehen. Sie kommt gerade von einem Musikfestival, mit der Seniorenkarte (sie ist inzwischen in Rente und sehr grauhaarig aber ich glaube gerade mal Ende Fünfzig) kann sie kostenlos Bus fahren. Und da sitzen wir nun und reden. Ich höre meist zu. Sie hat eine Art viele Geschichten anzufangen aber in der Mitte nicht mehr genau zu wissen, wo sie denn hin wollte, also nimmt sie Umwege, die aber meist auch nicht zum Erfolg führen. Die Gesprächsanteile sind daher etwas ungleich verteilt aber das macht mir überhaupt nichts aus. Ich höre gerne von dem Sohn von Cameron, der in der Nachbarschaft den Rasen mäht obwohl er blind ist. Während ich mich frage, wie denn ein Blinder Rasen mähen kann, ist sie schon bei der nächsten Geschichte, diverse verwirrende Camingabenteuer später macht der Bus kurz halt.

„Vier Minuten Aufenthalt!“ ruft der Busfahrer nach hinten. „Wer tapfer ist, kann hier auf die öffentliche Toilette gehen, die andere können rauchen.“

„Wasser!“ denke ich, Ich kann meine Wasserflasche aus dem Handgepäck nehmen, das ich nicht mit in den Bus nehmen durfte. Das ist im Gepäckraum verstaut.

Ich steige aus und spreche den Busfahrer an. Der ist schlank und klein, das genaue Gegenteil des ersten Busfahrers in Edinburgh.

“Kann ich bitte kurz an meinen Koffer?“

„Nein!“

Ich schaue ihn verdutzt an und er öffnet nur die Tor des Gepäckfachs. Alles voll bis obenhin und ich bin als eine der ersten in Glasgow eingestiegen, mein Koffer ist also ganz hinten.

Er lacht.

Ich lache auch und steige wieder ein, die Nachos leise verfluchend, die ich unterwegs gegessen habe. Meine Reisebegleiterin bietet mir Wasser an, dass sie auf der Toilette in Glasgow in ihre Trinkflasche gefüllt hat.

„Nein danke, ich bin gar nicht durstig!“

Nach drei Stunden Fahrt macht der Bus erneut eine Pause, der Busfahrer wechselt und der dritte Busfahrer meines Tages geht hinters Steuer. Er ist lang und dünn und sieht sehr seriös aus, wie ein Bankkaufmann oder ein Verwaltungsangestellter beim Ordnungsamt.

Abenteuer Highlands Reisen bildet

Sicher und schweigend bringt er mich durch die großartige schottische Landschaft zu meiner Endhaltestelle. Ich verabschiede mich von meiner wortgewaltigen Reisebegleiterin mit einer Umarmung und dem Versprechen, dem Mann ihre Grüße auszurichten. Sie war ja mal glühender Fan in den Tagen, als der Mann noch in einer Band spielte. Sie fährt noch eine Haltestelle weiter und kann es ihm deshalb nicht direkt sagen.

Der steht lässig am Auto gelehnt und lächelt herüber. Auf die Umarmung und den Kuss werde ich warten, bis ich im Auto bin, Schotten scheuen öffentliche Gefühlsbekundungen. Der stille Busfahrer hat den Gepäckraum geöffnet und fischt meinen Koffer von hinter vor.

„Danke und gute Fahrt noch,“ sage ich.

Aus dem Dunkel der Ladefläche blickt er mit direkt ins Gesicht und sagt mit einem leicht verzweifelten Blick Richtung Ceiteag: „Eigentlich hatte ich gehofft, die steigt auch hier aus.“

Mit einem Seufzer steigt er wieder zurück in seinen Bus. Ich winke Ceiteag zu und steige zum Mann ins Auto. Ich habe jede Menge Geschichten zu erzählen.