Konsonanten-Bezwingerin

Es gibt Sprachen, bei denen die Aussprache der Vokale (aeiou) eine Kunst ist, andere Sprachen werfen andere Probleme auf. In Schottland sind es in beiden Sprachen, dem Schottischen Englisch (Scots) und dem Schottischen Gälisch, die Konsonanten.

IUniversity of Glasgowmmer wenn ich glaube, eine neue Situation erfolgreich gemeistert zu haben, wartet eine neue Herausforderung um die Ecke – in mein Leben in Schottland hören die Überraschungen nie auf.

 

Wahrscheinlich geht es den meisten so, dazu muss man nicht in den Highlands leben.

Glasgow UniversityAls ich in den 90ern zum Studieren nach Schottland kam, sprach ich ein durchaus passables Englisch, ich hatte ein Jahr in England gelebt und mein Grundstudium der Englischen Philologie abgeschlossen – ich war ein Profi.

Dachte ich.

Dann kam ich nach Glasgow und verzweifelte am schottischen „r“, das ein wenig klingt wie eine Kettensäge im Leerlauf: rrrrrrrrrrrrrhhhhhhhhh

Aber das „r“ war nicht mein einziges Problem.

Die Glasgower Eigenart ganze Sätze wie ein Wort auszusprechen („Hausitgon?“= „How is it going?“ = „Wie geht’s“) und so gut wie jeden Konsonanten gänzlich zu ignorieren und wenn es irgendwie geht zu verschlucken stellte mich ein ums andere Mal vor Probleme, ganz besonders die t’s schienen für Glaswegians einfach nicht zu existieren. Glasgow ist eine Sprach-Welt minus die meisten Konsonanten aber mit vielen „r“s.

Inzwischen beherrsche ich die hohe Kunst des RollendenR-Verstehens und auch die des Konsonantenratens, der Mann ist aus Glasgow, mein Ohr ist trainiert alles zu hören, was er zu verschlucken gedenkt, in der Regel sind es ¾ des Satzes.

Doch anstatt tagein tagaus mit seligem Lächeln über so viel Sprachkompetenz aufs Meer zu schauen und zufrieden zu sein, hab ich eine neue Herausforderung gesucht: eine weitere Sprache. Und jetzt hab ich, was mir so oft gefehlt hat: Konsonanten, unfassbar viele Konsonanten, ein Konsonanten-Overkill.

Ich lerne Gälisch.

Sabhal Mòr Ostaig in the far background

Das College hat mich schon immer fasziniert, es liegt direkt an der Südküste der Isle of Skye, das Panorama ist atemberaubend. Sabhal Mòr Ostaig schien mir schon immer einer der wunderbarste Ort der Welt zu sein, um zu studieren, klar, weiß und lichtumflutet an einem Tag, geheimnisumwittert und nebelverhangen am nächsten. Großes Naturschauspiel 365 Tage im Jahr.

Armadale towards Morvern

IMG_0672Ich bin schon oft an Sabhal Mòr Ostaig vorbeigefahren, nun bin ich zum ersten Mal auf dem Campus: Gälisch 1, der Kurs für Anfänger, 5 Tage lang von Morgens bis Nachmittags, Abends Konzerte, Pubquiz, Cèilidh (sprich: käili).

 

IMG_0674Die alte schottische Sprache ist inzwischen wieder sehr lebendig hier in den Highlands also will ich sie lernen. Doch das stellt sich als recht schwierig heraus, denn Gälisch ist eine Sprache, in der zunächst Mal nichts so ausgesprochen wird, wie man denkt und wenn man sie liest, kommt es einem vor als hätte ein wahnsinniger Linguist in einem Anflug von Buchstabenwahn mit Konsonanten um sich geworfen als hinge sein Leben davon ab. Die meisten Redewendungen haben viel mehr unausgesprochene Buchstaben als ausgesprochene.

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So spricht sich ein Donald im Kurs auf Gälisch Domhnall geschrieben ganz simpel Dol, man hätte also einfach den „mhnal“ – Teil rauslassen können. Um das Ganze dann noch etwas mehr zu komplizieren gibt, es im Gälischen eine direkte Anredeform (Vokativ), dann schreibt sich Donald a Dhomhnaill die Ausspache klingt ungefähr wie „ach’oil“ mit Halskratzen. Ich habe gleich am ersten Tag beschlossen Donald, so wenig wie möglich anzusprechen.

Unser großartiger Lehrer Ciaran weckt auch in uns seine Liebe zur Sprache und wenn man sich erst mal reingehört hat, wird alles leichter, es gibt nämlich Regeln und eine sehr logische Grammatik. Vielleicht einer der Gründe, warum es inzwischen auch viele Deutsche nach Sabhal Mòr Ostaig zieht.

IMG_0651Auf jeden Fall gibt es jeden Menge deutsch klingende Wörter, nicht alle aber sind, was sie zu sein versprechen.

Das Mittagessen ist im kleinen Café Ostaig fast immer „Brot agus aran agus im“. Also Suppe mit Brot und Butter wobei Brot Suppe und nicht Brot ist. Aran ist Brot.

Ganz schön verwirrend für eine Deutsche aber an Tag drei kann ich es fehlerfrei auf Gälisch bestellen. Stolz!

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Unsere Klasse ist schottisch international und großartig, unser Lehrer ein Geschenk und nach einer Woche Spaß und Grammatik ist die Klasse Gälisch 1 so weit, wir haben unseren Auftritt beim großen Cèilidh: wir singen das Lied von Mòrag und ihrer Hochzeit. Singen gehört im Gälischen zu allem, was man tut. Also singe ich auch. Ich singe sonst nur im Auto.

Jetzt singe ich vor allen anderen Studenten stolz wie Oskar, dabei hasse ich es eigentlich, auf die Bühne zu gehen, meinen letzten Auftritt hatte ich glaube ich als Sonnenschein in der zweiten Schulklasse,  eine stumme Rolle, ich musste nur scheinen.

Auf Gälisch singe ich Si Mòrag und überlebe das anschließende Tanzen (dank Domhnall), denn es geht ziemlich wild zu, da wird im Kreis gewirbelt und wild gedreht bis es blaue Flecken gibt, aaaaauuuuaaaaa

Kommt vielleicht von den vielen unausgesprochenen Konsonanten. Irgendwann müssen sie wohl einfach mal raus….. mmmmkkkkrrrrrssssscccccchhhhhhhppppfffffffff

 

 

 

 

fast wie die A8

Cluanie walk 2015 (18)Straße ist nicht gleich Straße, manche sind der Inbegriff für Romantik, andere stehen für Stress und die allerwenigsten bieten sich für eine Wanderung an, was in den Highlands natürlich eine ganz andere Sache ist.

Cluanie walk 2015 (20)Wir haben den bei weitem nassesten Juli, an den sich die Leute hier am Loch erinnern können. Es regnet, regnet, regnet. Und wenn es nicht regnet, dann stürmt es. Ist dann mal ein Tag dabei, an dem es weder regnet (zumindest nicht den ganzen Tag) noch stürmt, dann heißt es nix wie raus und Natur genießen, was ich gestern auch prompt gemacht habe.

Nach so viel Regen sind die Wanderwege natürlich die reinsten Schlammbäder, ich entscheide mich also für eine der Straßen von General Wade, denn selbst das Wandern auf einer Militärstraße hat in Schottland seinen Reiz.

Cluanie walk 2015 (37)

Vom Cluanie Inn geht es an grünen Hängen hinauf und nach der Überquerung einer Hochebene wieder hinunter zum Loch Loyne. Vier Stunden auf geteerter Straße aber gänzlich ohne Verkehr, was daran liegt, dass im weiteren Verlauf eine Brücke fehlt und die Straße somit nichts mehr verbindet.

Cluanie walk 2015 (21)Vor knapp 300 Jahren hat sie was verbunden, wie viele andere ihrer Art wurde sie Mitte des 18. Jahrhunderts gebaut. Mit ihnen wollte das Militär die aufständischen Schotten wieder unter Kontrolle bringen. Die Straßen verbanden die diversen Baracken und Forts der Engländer, von denen aus die Highlands kontrolliert wurden, Kontrolle und Unterdrückung nach dem Aufstand von 1715. Insgesamt über 400 Kilometer Straße samt 40 Brücken in 12 Jahren.

Warum kommt mir der Ausbau der A8 und der A5 auf drei Spuren länger vor???

Die Arbeitertrupps bestanden aus 100 Soldaten und einer Handvoll Vorgesetzter sowie einem Trommler, was dann irgendwie nicht nach Spaß klingt.

Cluanie walk 2015 (9)Cluanie walk 2015 (12)Heute ist von der einstigen Bedrohung nichts mehr zu spüren, ich sitze am einsamen Straßenrand zwischen Orchideen, lausche dem Glucksen der Moortümpel und schaue dem Wollgras im Wind zu. Hier kommt nur sehr selten jemand vorbei, die meisten halten sich an die ausgewiesenen Wanderrouten für echte Wanderer und lassen die Straße links liegen. Da wandern sie dann allerdings im Pulk um diese Jahreszeit.

Cluanie walk 2015 (23)Gewollt hat er es sicher nicht aber General Wade hat Idylle geschaffen. Eine ganz ohne Verkehr und Wanderwahn.

Nur einmal durchbricht der ohrenbetäubende Lärm eines Militärjets der RAF (in diesem Fall die Royal Air Force) die windige Stille. Fast so als hätten sie einen losgeschickt zu prüfen, wer sich auf der Straße so rum treibt.

Ich atme die frische Luft der Highlands und denke an Deutschland und die A8, die unter Adolf Hitler gebaut wurde, noch eine Militärstraße, nur eine ohne Orchideen, Wollgras und Moorhühner. Und ohne jegliche Versuchung einmal einen Tag in aller Ruhe an ihr entlang zu wandern.

Cluanie walk 2015 (34)

 

Einmal war ich untreu

Diese Sache mit meinen zwei ganz unterschiedlichen Leben in Deutschland und Schottland klappt prima. Vor allem, weil ich die beiden so gut es geht voneinander trenne.

Doch gelegentlich werde ich mir untreu. Das geht wohl den meisten von uns so.

Und was mach ich? Ich geh‘ zu Fußball und arbeite. Ganz wie in Deutschland und doch ganz, ganz anders.

Natürlich!

Nur selten verschlägt es deshalb einen deutschen Spieler nach Schottland, wenn dann ist es eher umgekehrt. In diesem Falle aber war ein ehemaliger Spieler des SC Freiburg in Dingwall gelandet. Einer Kleinstadt westlich von Inverness, der Club dort heiß Ross County und weil sie einen Hirsch im Wappen haben, nennt man sie auch die Staggies.

Ross CountyUnd da spielte er nun, der Wolf, wie sie ihn nannten, Steffen Wohlfarth, in Friedrichshafen am Bodensee geboren ein Häfler, der in Freiburg gespielt hatte, wo sein Bruder Dominik als Torwarttrainer arbeitet. Ein Stück fürs Radio wollte ich produzieren und machte mich ans Werk…

Weil ich in Dingwall den Pressesprecher nicht kenne, rufe ich die Geschäftsstelle an. Die Nummer hab ich aus dem Internet. Es meldet sich der Sportdirektor, der Chef persönlich. Der macht die Pressearbeit, auch in der ersten Liga, was ungefähr so ist, als würde ich Klaus Allofs anrufen, wenn ich eine Akkreditierung fürs Stadion und einen Gesprächstermin mit Kevin de Bruyne brauche. Aber alles kein Problem in Dingwall. Ich soll mich einfach am Spielereingang melden.

Mach ich.

Ross County stadiumDer Mann und ich fahren also nach Dingwall. Schon weit vor dem Stadion herrscht Verkehrschaos. Ich habe natürlich keinen Parkschein für den Presseparkplatz. Es gibt nämlich gar keinen Presseparkplatz. Dem ersten Ordner sage ich, ich bin von der Presse. Der nickt nur kurz und winkt mich auf den Spielerparkplatz. Dabei sehe ich nicht wirklich aus, wie ein Sportjournalist und ich habe keinen Ausweis dabei. Das sollte man mal bei Bayern München versuchen!

Am Spielereingang treffen wir auf einen wuchtigen Glatzkopf mit Anzug und blütenweißem Hemd. Er hat so ein Telefonkabel im Ohr und sieht aus, als ob er keinen Spaß versteht. Der schottische Meister Proper reicht mir einen Umschlag, noch bevor ich den Mund aufmache. Fremde Journalisten fallen hier wohl gleich auf. In dem Umschlag ist meine Akkreditierung und  ein Zettel zum ausfüllen.

Mach ich, sobald ich im Presseraum bin, denke ich. Nur gibt es eben auch keinen Presseraum, weil hier alles so eng ist, bekommt man in der Pause sein Essen gebracht erklärt mir ein schottischer Kollege. Einfach ausfüllen und bei Sinclair abgeben.

DSC_0004Sinclair?

Der große Glatzkopf am Eingang!

Aha,

Pressetribüne Ross CountyBovrilBovril, Tee oder Kaffee sagt der Zettel und Wurstpastete oder Pie. Ich bestelle Kaffee und Pie, ich mag keine Rinderbrühe (Bovril) trinken. Der Mann mag Rinderbrühe trinken, er sagt, man kann nicht Fußball schauen ohne. Ich kann aber irgendwie und das mache ich dann auch auf meinen wenigen Zentimetern Klappstuhl eingezwängt zwischen zwei Radiokollegen. Und weil man hier, wenn man einmal sitzt nicht mehr raus kommt, bekommt man Mitte der zweiten Hälfte ein leckeres Törtchen auf dem Tablett gereicht. Von Sinclair höchstpersönlich. Ich sage artig danke und frage, wo nach dem Spiel die Mixed Zone für die Interviews ist.

Im Spielertunnel sagt er, aber nur für die BBC. Ihr macht eure Interviews hier auf der Tribüne.

Aber wie soll ich denn da an den Trainer ran kommen? frage ich verständnislos.

Wieso? fragt Sinclair seinerseits verständnislos. Der Trainer kommt doch zu euch.

Und das tut Derek Adams dann auch eine Viertelstunde nach Abpfiff. Undenkbar bei uns.

Die Möwen kreischen über dem leeren Stadion, die 3200 Fans sind schnell verschwunden.

Steffen WohlfarthSpäter kommt dann auch noch Steffen Wohlfarth zum Interview und erzählt sehr sympathisch und offen von seinem Leben im Hochland und dem Abenteuer des täglichen Lebens hier. In seiner Wohnung in Inverness muss er 50 Pence Stücke in eine Maschine werfen, damit er Heizung hat. Im Stadion lieben sie ihn, weil er gegen Celtic Glasgow das Siegtor (3:2) gemacht hat. Wegen seines Namens nennen sie ihn den Wolf und brechen in ohrenbetäubendes Wolfsgeheul aus, wenn der wuchtige Mittelstürmer den Platz betritt.

Steffen WohlafrthDas war 2013, inzwischen spielt er wieder in Deutschland und ist Kapitän beim FV Ravensburg. Dort habe ich ihn ein Jahr später in meinem deutschen Leben getroffen. Ich machte fürs Fernsehen eine Story über den Gegner. Als wir uns sahen, haben wir uns erst mal ganz spontan und ganz herzlich umarmt.

Das gibt es in Deuschland im Stadion eigentlich nie, dass sich Spieler und Journalist „in die Arme fallen“.

Dazu müssen schon zwei „Highlander“ aufeinander treffen.

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Das Drahtlose klingt nicht

Manche Wörter sind im Schottischen überaus logisch, so heißt das Radio radio im Englischen, in den Highlands benutzt man aber oft noch das alte Wort: wireless, das Drahtlose. Eigentlich sollte es das Musiklose heißen.

Die Radiokultur ist eine ganz andere, als in Deutschland. Hier wird geredet. Ohne Pause. Stundenlang. Manchmal dauert es über einen halben Tag, bis Musik gespielt wird. Nur Worte, Worte, Worte. Und Witze.

Talk TalkWir bekommen ganze zwei Radiokanäle, BBC Scotland (mit hohem Dauerwortanteil) und BBC Radio Nan Gàidheal,  der gälische Radiokanal, bei dem ich nun nur ein paar Brocken verstehe, der aber manchmal auch traditionelle schottische Musik spielt. Ist man aber im Auto unterwegs, dann ist auch das nur von kurzer Dauer, der Empfang ist überall sehr bescheiden und die Frequenzen reichen nicht weit, zu viele Berge, zu wenig Bevölkerung. Beim fahren ist nach spätestens fünf Minuten wieder Schluss. Oder sie reden wieder.

Plockton Crags (31)Am erstaunlichsten aber sind die Samstage, denn da wird über Fußball geredet und zwar sechs (!) Stunden lang, wieder alles ohne Musik. Auch während der Sommerpause, wenn gar keine Spiele sind. Sechs Stunden! Zwei davon sind Comedy, meist zum Fußball oder auch zu anderem Sport.

Off the ball, BBC Radio Scotland

Nennen sie drei Rennfahrer mit schottischenStädtenamen!

– Lewis Hamilton

– Johnny Dumfries

– Ayrton Senna

Ha ha.

Es werden nicht nur Witze erzählt, es werden auch Hörer gehört, es geht um die Möwenplage in Pittodrie und Personalien der unteren schottischen Ligen werden diskutiert. Wer gerade nicht parat hat, wer in Cowdenbeath Innenverteidigung spielt oder dass Steven Stirling in Stenhousmuir auf Torejagd geht, der versteht recht wenig von den  sechs Stunden Dauerballdiskussion.

Ross County Stadium

Auf die Ergebnisse vom ersten Spieltag der zweiten Bundesliga in Deutschland warte ich vergebens. Ob ich mal anrufen soll?

Loch Pooltiel, Skye (3)Lieber nicht, die Frau die gerade angerufen hat, um die Möwen zu verteidigen (nicht die in Pittodrie sondern die im Allgemeinen), die haben sie durch den Kakao gezogen. Nicht auszudenken, was sie mit einer deutschen Sportjournalistin machen, die sich über zu viel Fußball beschwert…….

Ich hole jetzt die alten CDs raus und mach mir meine eigene Musik und spiele lauter Songs zum Thema:

A Flock of Seagulls: Wishing

Video Killed the Radio Star

Radiohead: Creep

Noch Vorschläge???

 

 

 

 

Horden mit Hammer

Clearance Villages Walk (33)Man sollte in den Highlands immer mit allem rechnen aber mit Hammer-Horden in der Einsamkeit???

Um all den verständnislosen Lesern beim kryptischen Eingangssatz hilfreich zur Seite zu springen: ich war wandern auf der Isle of Skye. Natürlich wieder ein Abenteuer.

Es war ein trüber Tag, der Trockenheit versprach, was diesen Sommer nun schon ein Grund ist, sich in die Natur zu stürzen. Wärme wird allgemein überbewertet. Ich hatte die Sommerstrickmütze dabei.

Clearance Villages Walk (64)Die Tour führt über 17 Kilometer vorbei an einem ehemaligen Marmor-Steinbruch samt Transportbahnlinie zu zwei verlassenen Dörfern. Es kommt mir fast so vor, als könnte ich noch die Schläge der Hämmer hören, mit denen der edle Marmor ausgelöst wurde. Vielleicht von drüben, dem heutigen Marmorsteinbruch.

Kaum habe ich auf dem schmalen Pfad die Gruppe schwatzender Französinnen samt ihrer schweigenden Ehemänner überholt habe, kann ich endlich in die grandiose Kulisse eintauchen und über die traurige Geschichte all jener nachdenken, die einmal das Privileg hatten, hier zu leben.

Clearance Villages Walk (4)

Clearance Villages Walk (42)Bauern, die 1852 brutal aus Boreraig und Suisnish vertrieben wurden. Grundbesitzer Lord MacDonald ließ ihre Häuser niederbrennen, er brauchte das Land, damit die Schafe ungestört grasen konnten, im 19. Jahrhundert eine sprudelnde Geldquelle. An den armen Bauern ließ sich dagegen nichts verdienen und damit war klar, wessen zuhause der schöne Landstrich im Südwesten der Insel künftig nicht sein würde.

Clearance Villages Walk (24)In Boreraig standen einst 12 Steinhäuser und 15 Stallgebäude, heute nichts als Ruinen im wilden Grün.  Ich setze mich auf eine alte Steinmauer, vielleicht die Wohnzimmerwand einer jungen Familie, vielleicht die Stallmauer eines angesehenen Altbauern und schaue den Schafen zu, die wie weiße Eroberer ihren Dschungel abgrasen.

Clearance Villages Walk (31)Aus der Ferne klingen wieder Schläge zu mir herüber. Als ob jemand gegen Steinwände hämmert. Ich kann aber nicht erkennen, wo und wer. Die Geister der vertriebenen oder die Geister der Vertreiber?

Clearance Villages Walk (39)

Inzwischen haben mich die Franzosen wieder eingeholt. Die Madames schwatzen immer noch. Ihre Männer schweigen und prüfen die Route auf der Karte um dann ihre redseligen Gefährtinnen aus meiner Hörweite zu geleiten.

Die Hammerschläge haben aufgehört und auch ich wandere weiter.

Die beiden Dörfer verbindet ein schmaler felsiger Pfad, der die Klippen entlang führt. Ein paar Meter unterhalb von mir steht ein zerzaust aussehender junger Mann und schwingt einen Hammer. Der Schweiß steht ihm auf der Stirn. Dann sieht er mir halbwirr in die Augen, dreht sich um und verschwindet zwischen den großen Felsbrocken.

Ein Hammermörder? Versteckt er sich, um besser attackieren zu können? Drüben ist noch jemand…hat der auch einen Hammer?

Clearance Villages Walk (46)Unheimlich, vor allem hier in der Einsamkeit.

Clearance Villages Walk (47)Ich erreiche das nächste verlassene Dorf, kurz nachdem ich die Franzosen wieder überholt habe. Die Frauen reden immer noch. Sie beherrschen die Kunst der Sätze ohne Punkt und Komma wie einst nur Dieter Thomas Heck. Ihre Männer haben das schweigende Nichtzuhören wohl über viele Jahre hinweg perfektioniert.

Eine halbe Stunde später höre ich wieder Hammerschläge.

Ist das hier das internationale Treffen der Hammermörder oder was? Jetzt sehe ich junge Frauen an einer Felswand hoch über mir. Hämmern die?

Clearance Villages Walk (11)

Dann taucht vor mir noch eine junge Frau mit einem riesigen Hammer auf.

Ich spreche sie an doch sie antwortet nicht.

Ich versuche es nochmal.

Sie nimmt ihre Ohrstöpsel raus und sieht mich freundlich an.

Entschuldigung aber warum läuft denn hier jeder mit einem Riesen Hammer rum, frage ich mit respektvollen Blick auf das mörderische Teil.

Oh sagt sie, wir sind Geologie Studenten. Wir sind auf Exkursion.

Aha, also kein Mördermeeting im schottischen Hochland sondern Wissenserweiterung mit dem Werkzeug der Steinexperten. Daher die Horden mit Hammer.

Dann schließen die Französinnen wieder zu mir auf.

Sie reden noch immer.

Hätte ich einen Hammer, ich schwänge ihn wild über meinem Kopf und vertriebe sie so gnadenlos wie einst Lord MacDonald seine Bauern.

Auld Alliance hin oder her! Ich wollt ich wär noch Student!

Clearance Villages Walk (8)

 

 

 

Das Boot

Wenn ein Langzeitprojekt ein gewisses Maß an Leidenschaft erreicht, kann es mitunter auch zu einem gar-nicht-so-Langzeitprojekt werden. Das Boot ist schon im Wasser, wir sind jetzt Seemänner!

Das-Boot-01

Naja, hauptsächlich der Mann. Seefrauen gibt es glaub ich nicht.

Und das Boot heißt Das Boot, was die Schotten ziemlich verwirren dürfte, wir Deutschen aber ziemlich logisch finden.

JungfernfahrtEin Nachbar hat geholfen, der kam mit dem Range Rover und hat den Trailer mit dem Boot ins Wasser gefahren. Und dann ist der Mann in See gestochen, ich stand an Land mit dem Handy in der Hand und der Notrufnummer im Kopf. Schließlich wusste keiner, ob es wasserdicht ist. Das Boot, nicht das Handy.

Es ist und der Man kreuzt nun auf dem Loch herum.

Mal rechts, mal links, dann wieder rechts, und links….

Und abends kontrolliert er immer nochmal ein letztes Mal Das Boot. Ich war genauso, bei meinem ersten Motorrad.

Ich habe mir erst mal eine App (Useful Knots)aufs Tablet geladen, mit der kann man üben, wie man Knoten macht. Ich kann nämlich keine Knoten und ich glaube ein Boot macht man besser nicht mit Schlupf fest.

am Loch entlangDer Mann hat eine Gezeiten-App, er mag Zahlen. Aber zurzeit ist immer nur dann Flut, wenn der Mann bei der Arbeit ist und bei Ebbe liegt das Boot noch auf dem Strand. In den nächsten Tagen macht er es draußen fest. Er hat auch schon ein kleines Schlauchboot gekauft (bald haben wir einen ganzen Hafen zusammen), mit dem man dann zum eigentlichen Boot kommt. Und Ganzkörpergummistiefel . So viel shoppt der Mann sonst nie.

Meine Gummistiefel waren leck, ich brauchte auch neue. Natürlich keine mit Hose dran, die mach einen Seebär-Hintern. Jetzt wäre ich bereit zur ersten Fahrt aber jetzt ist es ziemlich stürmisch hier. Also bleiben wir Seebären an Land und üben Knoten. Den Alpine Butterfly kann ich schon, leider ist der für Karabinerhaken beim klettern. Das hatte ich in meiner Knoteneuphorie übersehen. Morgen übe ich den Zeppelin Loop für Das Boot.

Ich denke es wird noch dauern, bis ich ein richtiger Seebär bin. So gesehen bin ich also auch ein Langzeitprojekt.

Neulich an der Tanke oder wie ein Butterbrot alles zum Stillstand brachte

Ich wünschte ich hätte mein Smartphone dabei gehabt, um Fotos zu machen. Aber ich hatte es nicht dabei und deshalb muss diese Geschichte ohne das wichtigste Bild auskommen. Ich war einfach nicht darauf gefasst, die Butterbrotaffäre für den Blog festzuhalten zu müssen.

Black Isle (1)Vor einigen Tagen war ich unterwegs auf der Black Isle, der schwarzen Insel, die weder schwarz noch eine Insel ist und mit all der großflächigen Landwirtschaft ziemlich deutsch anmutet. Die kleinen Dörfer hübsch, eine solche Blütepracht in den Vorgärten sieht man nicht oft in den schottischen Highlands.

Schön, denke ich. Jetzt nur noch irgendwo tanken und dann ab nach Hause.

Es dauert nicht lange, da finde ich eine Tankstelle. Was sich aus meiner Richtung anfühlt wie im Nirgendwo entpuppt sich bald als eine Art Autohof an der A9, der zentralen Verkehrsader von Inverness in den Norden.

Ich steige also aus und tanke, während ich einem holländischen Paar dabei zusehe, wie sie mehrfach die Tankstelle umfahren, im Versuch eine Säule auf der richtigen Seite des Benzintanks an ihrem Wagen zu finden. Ich stehe also so da (hier haben die Stutzen den Arretierbolzen nicht, mit dem man den Wagen tanken kann, ohne dass man die ganze Zeit daneben stehen muss) und versuche die Holländer zu ignorieren.

Ein älterer Herr läuft durch mein Blickfeld. Er hat schütteres, leicht gelocktes grau-weißes Haar, trägt eine sandfarben Bundfaltenhose und ein Poloshirt in einem ausgewaschenen Himbeerton über dem Wohlstandsbauch. Im Gesicht trägt er ein Lächeln das ganz klar sagt: „Jetzt schau mal, was ich gleich mache!“

Er nickt mir zu als wären wir beide in einer Art „Inner Circle“ derer, die wissen, wie man tankt, dabei hab ich nirgendwo ein Auto gesehen, das zu ihm gehören könnte.

Noch einmal wirft er mir einen bedeutungsschwangeren Blick zu, ehe er im Innern der Tankstelle verschwindet.

Ich hänge den Tankstutzen ein und freue mich, dass es den Holländern endlich gelungen ist, nun auch den Tank ihres Autos in die Nähe einer Säule zu bringen und gehe zum Bezahlen.

Die Tankstelle ist so eine Art 3 in 1 also Tanke, Shop und Imbiss mit Sitzgelegenheiten. Hinter der linken Kasse steht eine sehr untersetzte Mittfünfzigerin mit unbestimmter Haarfarbe aber bestimmter Stimme. Sie kassiert gerade einen der Truckfahrer ab, der in einem ölverschmierten Hosenanzug nach der Tankkarte kramt. An der Kasse nebenan ist ein junges Mädchen mit Eifer beim Ferienjob wie es aussieht.

Vor mir steht der Mann, der auch hier drin noch immer diesen Ausdruck im Gesicht hat.

Er winkt mich nach vorne. „Jetzt schau mir mal zu!“ sagen mir seine Augen. Er lehnt sich leicht nach hinten, als wolle er Anlauf nehmen für einen Hochsprung über die Zweimetermarke.

Die ältere der beiden Kassiererinnen ist mit dem Lasterfahrer fertig und blickt mit einem Oh-nein-nicht-der! in den Augen dem Mann entgehen. Dann schickt sie das Mädchen ins Verderben.

„Kannst du dich bitte um den Herrn hier kümmern, Sheila?“

Sheila lächelt ahnungslos und freundlich den Mann an, der nun seinen großen Moment hat.

„Brot und Butter!“ sagt er als sei er Cäsar und weist mit der Gestik eines Operntenors ohne Orchester ins weite Rund der Schokoriegel und Instantsuppen.

„Brot und Butter!“ sagt er noch einmal als seien es seine Spiele.

Dann schaut er mich wieder an und seine Augen sagen „Schau nur, ich muß mich nicht bewegen. Ich kann einfach was bestellen und die müssen rennen. Ich bin hier Kunde und ich bin König!“

Hinter dem nonverbalen König stehen drei Ausrufezeichen.

Er winkt mich nach vorne während er auf sein Brot und seine Butter wartet.

Das Mädchen scheint leicht überfordert mit der Situation aber bemüht um Freundlichkeit setzt sie sich in Bewegung. Der König deutet nur und bewegt sich nicht vom Fleck.

Ich bezahle und versuche nicht zu grinsen.

Dann auf einmal, bricht hinter mir die große Diskussion aus, in die sich nun auch meine Kassiererin einschaltet.

Das doch nicht!“

„Ich sagte Brot und Butter!“

„Aber…?!“

Ich drehe mich um und sehe das Mädchen dem Mann neben mir einen Teller entgegen strecken, mit einem liebevoll geschmierten Butterbrot aus dem Imbiss-Teil des Autohofs darauf. Der Mann, der eigentlich ein Brot und eine Butter aus dem Ladenteil der Tanke haben wollte, sieht sich hilflos dem schmählichen Brotverrat ausgeliefert

Butterbrot statt Brot und Butter. Im Schottischen ein und derselbe Ausdruck. In einer Tanke mit Shop und Imbiss aber zwei grundverschiedene Dinge.

Hätte ich nur mein Smartphone dabei gehabt. Ich hätte ein Foto vom eitlen König gemacht, hilflos im Angesicht des Butterbrotversagens seiner Untertanen im Autohof.

Was wäre das für ein Post geworden!

 

Cullen Skink

Iona, Isle of Mull (54)Ja, Cullen Skink gehört zu den Gerichten schlechthin in Schottland: Fischsuppe.

Irgendwie fand ich schon immer, daß das nicht sonderlich appetitlich klingt. Es reimt sich schließlich auf stinkt…

Ich bin kein großer Fischsuppenfreund aber es ist nun mal ein klassisches Gericht in den Highlands. So wie bei uns Schäufele oder Sauerbraten, klingt ja auch nicht so richtig lecker, wenn man mal darüber nachdenkt.

Loch Maree (12)Also Cullen Skink – der Mann liebt Fischsuppe und der Fischmann bringt den Schellfisch frisch an die Haustür.

Aber darf man sich als Ausländer ans Nationalgericht wagen?

Und wenn ja, dann wie?

Ich recherchiere im Internet. Es gibt so ungefähr eine Million Cullen Skink Rezepte, Jamie Oliver, Gordon Ramsay, Rick Stein, BBC Good Food alle Fernsehköche der Insel haben ihre eigen Version gekocht.

Ja, auch heute noch kochen die Hausfrauen im schottischen Hochland diese köstliche Suppe. sagt ein anderes Rezept.

Jamie Oliver, die Hausfrauen und ich….

Sconser to Raasay (2)Ich traue mich und beschließe mit ein zwei Änderungen (Weißwein + Crème fraîche) dem ganzen eine persönliche Note zu geben, die der kochenden Fernsehjournalistin im Hausfrauenurlaub.

Ich hab den Mann noch nie so schnell essen sehen. Und ich, die ich gar keine Fischsuppe mag, hätte mich reinlegen können.

That was superb…  for a German.. Der Mann grinst bis über beide Ohren und kratzt das letzte bisschen Suppe aus dem Teller.

Jetzt warten wir beide, bis endlich wieder Mittwoch ist, dann kommt John der Fischmann. Der hat immer frisch geräucherten Schellfisch dabei: Cullen Skink time!

Ich muß schließlich im Training bleiben, am 22. November 2015 finden die 4. Cullen Skink Weltmeisterschaften statt. Natürlich im Cullen Bay Hotel an der Ostküste, da kommt der Name der Suppe her. Der Weltmeistertitel wird in zwei Kategorien verliehen, traditionell und mit einem spannenden Kick.

Ich überlege. Da muss mehr her, als Weißwein und Crème fraîche für einen Sieg.

Also Cullen Skink à la Ba-Wü mit gerösteten  Maultaschenstreifen.

Wir Deutschen wissen schließlich wie man Weltmeister wird.

Der Titel ist mir sicher!

Loch Duich view (58)

 

Mein Cullen Skink Rezept (noch traditionell)

2 geräucherte Schellfischfilets

2 Frühlingszwiebeln

4 mittelgroße Kartoffeln (weichkochend)

500ml Fischfonds

150 ml Milch

1 EL Crème fraîche

Butter

Ein Schuss trockenen Weißwein

Pfeffer, Salz

Frischer Schnittlauch für Deko

Der Fisch in eine Pfanne legen und mit kaltem Wasser übergießen, er muß ganz bedeckt sein. Dann auf mittlerer Flamme aufkochen, wenn er kocht ist er fertig. Die Filets aus der Pfanne nehmen und beiseite stellen. Mit dem Sud und zusätzlichem Wasser die Kartoffeln kochen.

Frühlingszwiebeln klein schneiden und mit etwas Butter andünsten, mit Weißwein ablöschen und den Fischfonds zugeben.

Die gekochten Kartoffeln schälen und 1/3 in den Zwiebelsud geben, 1/3 des gekochten Fischs (vorher genau auf Gräten untersuchen) ebenfalls zugeben, dann alles mit dem Pürierstab klein machen. Milch und Crème fraîche unterrühren, mit Salz und Pfeffer abschmecken.

Die restlichen Kartoffeln und den restlichen Fisch grob zerkleinert in die Suppenschüsseln geben, die heiße Suppe darauf gießen und mit Schnittlauch bestreuen.

Dazu Knoblauchbrot servieren.

Fischsuppen-WM in Schottland

 

Vorsicht, der Mann liest meinen Blog!

Ich hatte natürlich mal wieder nicht recht!

Der Mann hat meinen letzten Blogeintrag gelesen. Nicht, dass er sonderlich viel Deutsch verstehen würde aber er hat Google Translate und damit einen genauen Einblick in mein Schreiben.

So, so, hat er diese Woche gesagt. Das Boot ist also ein Langzeitprojekt.

Was damit gemeint ist, erklärt sich aus dem letzten Post „Raus aufs Meer!“

Skye Sky 1

Den Vorwurf wollte er wohl auf seiner noch jungfräulichen Seefahrerseele nicht einfach so sitzen lassen, weshalb wir diesen Samstag schon um 7 Uhr 30 (fordere nie einen Schotten heraus, wenn du nicht unbedingt musst!) auf dem Weg nach Inverness zu Caley Marina waren, um den fehlenden Motor für das Boot zu kaufen.

Caley Marina (2)Caley Marina ist ein Laden, wo man Seemannsmützen, Rettungswesten, ganze Jachten und lauter kleine Teil kaufen kann, die irgendwo ans Boot gehören und von denen ich nie im Leben wissen werde, was sie sind oder wie sie auf Deutsch heißen.

Caley Marina (1)

 

Ich hab mir die wasserdichte Kleidung angesehen, Hose und Jacke gibt es schon für 350 Pfund. Das habe ich dann sofort als Langzeitprojekt hinten angestellt und mich zu dem Mann und dem Verkäufer namens Calum gesellt. Schließlich brauchen wir einen Aussenbordmotor.

 

Im Laden gibt es nur Yamaha-Motoren.

Hah! denke ich. Damit kenne ich mich aus!

Schließlich war mein erstes Motorrad ein Yamaha Einzylinder. Ich nicke also das Gespräch fachmännisch begleitend mit dem Kopf, begleite den Hinweis auf den Notaus mit einem noch intensiveren Nicken und versuche generell sehr bootskompetent auszusehen.

AussenbordmotorWir wollen einen 5er Motor und einen Extratank. Ich lächle locker, weil ich natürlich genau weiß, was ich in dem Bootsladen tue. Yamaha! Das ist schießlich mein Fachgebiet, der Mann hat ja keinen Motorradführerschein. Unter einem 5er Motor kann ich mir zwar nicht allzu viel vorstellen, nehme aber an, es handelt sich hier um die Größe.

Also Calum, sage ich mit dem wissenden Lächeln einer langjährigen Yamahamotorradbesiterin, können wir den Motor mal anhören?

Calum schaut mich verständlislos an und der Mann bückt sich ganz weit nach unten, um die Schraube zu überprüfen, seine Schultern zucken verdächtig.

Äh, mein Calum dann, das geht nur im Wasser.

Ach so. Na ja.

Ich überlasse die Männer ihrem Bootstalk und schaue mir ein paar Kompasse und Radare an.

Der Aussenbordmotor ist bereits geprüft und hat 5 Jahre Garantie, deshalb können wir den auch gleich mitnehmen, samt Zusatztank, Verbindungskabel und 10W 30er Bootsöl.

Dann hat mich der Mann zum Frühstück ins V8 Cafe ausgeführt, ganz in der Nähe des Hafens: Spielgelei im Brötchen für ihn, Speck im Brötchen für mich. Und natürlich ein Motor im Hintergrund.

Frühstück

Derart unprätentiös gestärkt verbringen wir den Rest unseres Ausflugs mit dem Aussenbordmotor auf dem Rücksitz und der Erkenntnis im Kopf, dass manche Langzeitprojekte schneller gehen, als man denkt und manche Experten doch weniger Ahnung haben als die Laien.

Das macht Hoffnung für die Küche!

Doch das ist eine andere Geschichte und soll ein anderes Mal erzählt werden.

 

 

 

Raus aufs Meer!

 

Der Mann hat ein Boot gekauft.

Das Boot (7)

Das Boot (3)Das hat er mir nicht erzählt in all den vielen Skype Gesprächen, die wir hatten, während ich in Deutschland war. Stunden über Stunden reden und das verschweigen. Jetzt bin ich wieder zurück in den schottischen Highlands und das erste was ich bei meiner Ankunft sehe ist ein kleines Boot auf einem Anhänger in der Auffahrt zum Haus.

Wie können Männer ein solches Ereignis denn nur geheim halten?

Das Boot (5)Ich überlege natürlich sofort einen Namen, sehe aufregende Fahrten zu einsamen Inseln vor meinem geistigen Auge und überlege, ob wir noch Champagner für eine Taufe haben. Wie viel idyllische Bootszenen hab ich schon gesehen, seit ich ein zweites Leben in Schottland habe. Ein Traum!

Conchra Loch Long 2

Das Boot (2)Auf den zweiten Blick und mit etwas weniger Abstand betrachtet sieht das Boot dann doch eher wie ein etwas ältliches „Bootle“ aus und ich frage mich, wie viel Platz noch für ein Picknickkorb bleibt, wenn ich und der Mann in See stechen…..

Das Boot (4)Der Mann erklärt mir jedenfalls all die Extras, die er mit dem Boot und für ganz wenig Geld dazu bekommen hat: Anker, Hänger (Er besitzt kein Auto mit Anhängerkupplung aber vielleicht ist das ja  nicht so wichtig.) und Seile (Ich habe keine Ahnung, wie man diese Seemannsknoten macht, die man doch bestimmt braucht auf See). Und natürlich zwei Rettungswesten, die sich automatisch aufblasen, wenn sie mit Wasser in Berührung kommen.

Das Boot (6)

Dann erklärt mir der Mann, das man als erstes die Nummer der Küstenwache ins Handy programmieren soll, falls was schief geht. Dann kann man nur hoffen, das sollte was schief gehen, es in den wenigen Gegenden passiert, wo man auch Handy Empfang hat.

Ich sehe der ersten Ausfahrt mit gemischten Gefühlen entgegen und frage, wann die denn stattfinden soll.

Das Boot (1)„Ach“, sagt der Mann „wir müssen erst noch einen Außenbordmotor besorgen.“ Der war nämlich nicht mit dabei. Einen Motor zu kaufen, scheint aber ein größeres Projekt zu sein: Fahrt nach Inverness, Auswahl, Testlauf, Auswahl, Öl und Benzin wieder aus Motor lassen, dann nach Tagen verschicken….

Ich verstehe langsam. Das Boot ist ein Projekt und gehört in den Garten wie in manchen Ecken Deutschlands die Gartenzwerge. Alle haben ein Boot im Garten oder mit Glück auch vor dem Haus im Meer, fahren sieht man allerdings die wenigsten.

Applecross (35)

Und dann brauchen wir noch einen Anlegeplatz und wir müssen…..

Ich wäre ja mit der Champagnertaufe schon zufrieden, wir haben aber nur noch eine Flasche im Haus. Das reicht nicht für taufen und trinken.

Ich beschließe noch welchen zu kaufen, sollte das Bootprojekt irgendwann mal in die Motorkaufphase übergehen.

In der Zwischenzeit bleibe ich an Land und schau mir das Wasser aus der Ferne an. Erst am Wochenende haben wir Pilotwale gesehen, ein wunderbares Erlebnis. Aber ob ich die (nur mit einer sich automatisch aufblasenden Rettungsweste „bewaffnet“) neben unserem kleinen ungetauften Boot ohne Namen auftauchen sehen möchte, ist eine andere Frage.

pilot whales (11)

Wie gut, dass Projekte in den Highlands immer länger dauern, als man denkt!